Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Lobet

den Herrn

Bei Howe Gelb weiß man nie, was einen erwartet: Klangcollagen, harmonisches Chaos oder charmanter Lärm? Hat er die Reihenfolge der Songs vorher festgelegt? Und wie wird der ehemalige Giant SandKopf diesmal aussehen? Wie ein Trucker? Wie ein Handelsvertreter, sinisterer Zuhälter, wie der nette Kumpel von nebenan? Heute kommt der 50-Jährige aus Tucson wie ein Reverend aus dem Wilden Westen: in schwarzem Anzug, schwarzem Hemd und Texasschlips mit blau schimmerndem Türkis. Doch Gelb predigt nicht vorm Altar der Passionskirche , sondern fällt gleich in rauchigen Lou-Reed-Sprechgesang: „Ah, welcome to the season ...“ Und melodisch-rhythmisches Klirren seiner alten elektrischen Roundtop-Gibson. Aus dem Hintergrund dezentes Wischen von Schlagzeugbesen. Und ganz zauberhaft: „huh-huh-huh“, der Chor dreier Herren und von sechs Damen, die Gelbs Holzverandamusik öffnen zu endloser Weite: „Love knows no borders!“ Zwei weitere Gitarristen flankieren die Mixtur aus knurrigem Gesang, bluesigem Geknarze, angezerrtem Boogie und göttlichen Gospel-Harmonien mit metallischen Riffs, Bottleneck und Lap Steel. Klingt rauer und noch intensiver als auf dem exzellenten neuen Album „Sno Angel Like You“ (City Slang). Es war wieder so eine von Gelbs verrückten Ideen: seine angeschrägten, weltlichen Songs mit den von höherer Macht beseelten Chorstimmen zu verbinden. Und was haben alle für einen Spaß. Wie die Gitarren riffen und rocken, wie Howes Stimme knurrt und schabt. „Walk On The Wild Side/ My Sweet Lord/ Oh Happy Day.“ Wilder Abend, glücklicher Tag!

KLASSIK

Hallo

Fräulein

Der größte Vorzug dieses rein weiblichen Ensembles ist wohl, dass es nicht feminin klingt, nicht einmal bei Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ op. 4, diesem Liebes- und Sittengemälde von 1899, das Raum für allerlei Lieblich- oder Schwülstigkeit und Übernervosität ließe. Wenn man nur wollte. Die Frauen des Venus Ensemble wollen nicht. Sie entscheiden sich für Kreide, nicht für Öl. Spielen mit schlankem Vibrato, absolut souverän, straight, tüchtig und ohne Umschweife. Kotowa Machida an der ersten Geige, Gründerin der seit 2003 bestehenden Formation aus Berliner Philharmonikerinnen, hält die Fäden ruhig und mit nichts duldender Bestimmtheit in der Hand. An ihrer Seite Madeleine Carruzzo; Rachel Helleurs und Jing Zhaos Violoncelli setzen einen ungewohnt dunkelherben Gegenpol dazu; die Bratschen von Naoko Shimizu und Julia Gartemann drängen sonor und präzise dazwischen. Das musikhistorisch fast wunderlich enge Zeitfenster dieses Abends in der Philharmonie lässt danach nurmehr Raum für zwei Werke von Brahms, sein Streichquintett F-Dur und das Horntrio op. 40. Und wenn man sich auch wie stets über die Besetzung des Trios wundert, die Schwierigkeit allein, die warm gedämpften Töne der philharmonischen Hornistin Sarah Willis mit dem feinen Strahlen von Machidas Violine zu versöhnen – ins Zentrum des Werks stellt sich das Klavier. Zumal mit einer Pianistin wie Cordelia Höfer: extra beherzt, extra geerdet, fast so, als ob sie zeigen wolle, dass es zwischen Fräuleinmusik und umweglosem Tüchtigsein ja auch noch die gute alte Körperlichkeit gibt als Projektionsfläche für Geschlechterklischees. Christiane Tewinkel

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