Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Böhmen

und mehr

Erstaunlich, dass es die Sinfonien Bohuslav Martinus ’ noch nicht ins Standardrepertoire der Orchester geschafft haben. Denn eigentlich schrieb der 1890 geborene Tscheche genau die Musik, die Publikum wie Dirigenten schätzen: mit ausdrucksstarker, tief im heimatlichen Boden verwurzelter Melodik in der Tradition Dvoraks und Janaceks, großem, nachromantischem Schicksalsatem und einer farbigen, ungemein differenzierten Tonsprache, die für jede Gefühlslage von pastoraler Innigkeit über abgrundtiefe Verzweiflung bis zu gefasstem Heroismus einen identifikationstauglichen Ausdruck findet. Bei den Berliner Philharmonikern legt sich Jiri Belohlavek für seinen vernachlässigten Landsmann mächtig ins Zeug und lädt die sechste, 1955 uraufgeführte Sinfonie mit einer untergründigen, nervösen Energie auf. Gärende, widerstreitende Emotionen, ein halbstündiges Bad im Strom des Unterbewusstseins, in dem Erinnerungen an Glück, aber auch an Krieg und Exil vorbeischwimmen. Das eindringliche Plädoyer ist in der Philharmonie zugleich der Höhepunkt des Abends: Bei Dvoraks sechster Sinfonie setzen die Philharmoniker mehr auf nachbeethovensche Massivität als auf musikantischen Reflex. Die nötige Wärme, um den klassischen Entwurf mit romantischer Seele zu füllen, besitzt der hart gleißende Streicherklang des Rattle-Orchesters jedoch nicht mehr. Eingeschoben ins tschechische Programm: Mozarts Sinfonia Concertante für Bläser, von Belohlavek in seltsam karajaneskem, schwerelosem Grazioso gehalten. Ein weiches Polster für die Solisten, Jonathan Kelly, Karl-Heinz Steffens, Stefan Dohr und Daniele Damiano, die sich drauf räkeln und entspannt Geläufigkeit demonstrieren.

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THEATER

Fernsehen

ist schwer

Über das Selbstverständliche verliert man nicht oft Worte. Zum Beispiel darüber, wie Thomas Ahrens , mit Unterbrechungen seit über dreißig Jahren am Grips-Theater , Kinder spielt. So schlau, so komisch, so alterslos. Grips-Kinder sind nie kindisch, können sogar eine Glatze haben. Thomas Ahrens schreibt (sich) auch selbst Stücke, in der Schiller-Theater-Werkstatt wurde sein „Flimmer-Billy“ uraufgeführt: die Geschichte eines Jungen, der fernsehsüchtig ist, vor allem nach Saurierfilmen. Sucht heißt: Billy tut fast alles, um wieder vor der Glotze zu hocken, nachdem seine Mutter in ihrer Verzweiflung die Wohnung fernsehfrei gemacht hat. Billy, eigentlich Wilfried, trickst und schwindelt, richtet Unheil an, besucht seine Urgroßmutter im Altersheim, die er sonst nie freiwillig besucht, und freundet sich sogar mit Sabina an, dem Nachbarsmädchen mit Brille, das er zu normalen Fernsehzeiten nicht ausstehen kann. Billy mit seinem TV-Cold-Turkey: köstlich. Die Mutter, alleinerziehend, braucht genauso ihre Fernsehdröhnung nach Feierabend. Eine prall gefüllte Grips-Theaterstunde, inszeniert von Jens Neumann, mit Percussion-Begleitung von Thomas Holm: Claudia Balko spielt Mama, Sabina, Urgroßmutter und Sabinas Mutter zugleich, Thomas Ahrens gibt alle Männer der Gegend, auch den hinreißend sächselnden Krankenpfleger Heinz-Otto. Suchtverhalten, das zeigen sie locker und unaufdringlich, hat viele Gesichter und beginnt früh. Das Stück, nominell für Menschen ab 6, könnte im Grunde auch „Handy-Billy“ heißen. Nichts gegen Fernsehen. Aber Familie und Freundschaft sind auch nicht übel – und nettere Saurier als der schon ausgestorbene Tyrannosaurus Rex auf Billys Lieblings-DVD. Rüdiger Schaper

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POP

Hustet

da wer?

Er ist klein. Keith Caputo steht zwischen Gitarrist und Bassist auf der Bühne und reicht ihnen gerade mal bis zur Schulter. Doch sein verschmitztes Lächeln ist drei Meter breit, und seine Stimme, so erinnert man sich, kann Ozeane überspannen. Gut gelaunt legt die Band mit „Kill With God“ los. Leicht klingt das mit seinem Dreivierteltakt, fast funky und ganz anders als 1993, als Caputo mit seiner Band Life of Agony Hardcore-Geschichte schrieb und mit gepresster Rockröhrenstimme die Worte „pain“ und „suffer“ zu einem emotionalen Evangelium erhob. Später befreite er sich zumindest gesanglich, zeigte sich verletzlicher. Mit seinem Solo-Debüt „Died Laughing“ startete 2000 eine zunächst kommerziell aussichtsreiche Solokarriere. Inzwischen hat er Plattenfirmen den Rücken gekehrt. Caputo erzählt auf der Bühne viel von seinem Ärger über das korrupte Business. „Hearts Blood on your Dawn“ ist bereits das dritte selbst verlegte Album, nur über Website und bei Konzerten erhältlich. „My music is to personal to give it away to someone I don’t trust“, sagt er. Leider erreichen die neuen Songs nicht die Komplexität und Tiefe des Debüts. Live packt der Mann sein Publikum aber. Obwohl hörbar angeschlagen, gibt er alles und brüllt, bis ihm die Stimme versagt. Früher sang er in Stadien, jetzt im flachen Keller des White Trash . Man könnte das einen Abstieg nennen. Aber immerhin ist der Raum zwei Abende hintereinander voll. Vier Zugaben, dann eine epische Version des LoA-Klassikers „Let’s Pretend“. Caputo rührselig: „No money could outway this experience.“ Reicher, kleiner Mann. Kolja Reichert

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