Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

AUSSTELLUNG

Kinder, Küche,

Kicker

„Die Frau ist der natürliche Feind des Fußballs“, sagt ein Sportredakteur in Sönke Wortmanns Publikumserfolg „Das Wunder von Bern“. Wer an Fußball denkt, denkt an Männerschweiß. Im ARD-Hauptstadtstudio kann man nun weibliche Treffer bewundern (Wilhelmstr. 67a, bis 2. 7., Do/Fr 17 – 20 Uhr, Sa 15 – 18 Uhr). Die Ausstellung 3xF. Fußball Frauen Fotografie versammelt Fotografien von elf Künstlerinnen aus Deutschland, Osteuropa und dem Iran. „3xF“ sucht Lücken und Schlupflöcher im Mythos des Männerfußballs und lebt von der Ironie ungewohnter Verbindungen. Etwa wenn die Tschechin Alzbeta Jungrová das Foto einer Fußballermutter mit dem einer Nabelschnur hinterlegt – vergiss nie, woher du kommst. Edit Blaumann spannt eine junge Frau zwischen die Plastikmänner eines Tischkickers. In ihrem Heimatland Ungarn ist Tischfußball nicht nur Breiten-, sondern auch Frauensport. „Kinder, Küche, Kicker“ gelte dort für junge Frauen, berichtet Kuratorin Judith Metz. Die schönsten Treffer kommen von Zohreh Soleimani: Sie war dabei, als fußballfanatische Iranerinnen zum ersten Mal durchsetzen konnten, ein Stadion zu betreten. Erst kürzlich hat nun die iranische Führung das Stadionverbot für Frauen gelockert. Selbst da geht’s voran.

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KLASSIK

Kälte, Schock,

Gefühle

Die Musik von Schostakowitsch, bekannte Chruschtschow einmal, bereite ihm Bauchdrücken. Und dennoch war die von Stalins Nachfolger ausgelöste Tauwetterperiode für Schostakowitsch eine Zeit der Hoffnung. Mit Texten des ebenfalls von den politischen Veränderungen begünstigten Dichters Jewgeni Jewtuschenko komponierte er die 1962 uraufgeführte 13. Sinfonie, ein Werk, das aufgestaute Bitterkeit und Leid in so heftiger Weise herausschleudert, dass die etwas knallige Akustik des Konzerthauses oft an ihre Grenzen stößt. Es fällt dem BSO unter Eliahu Inbal zunächst nicht leicht, sich an diesem traumhaften Frühsommerabend einem solchen Kälteschock auszusetzen. Aber allmählich beginnen die von dem Bassisten Sergei Aleksashkin in schnörkellosem Ernst vorgetragenen Texte zu wirken, auch der Ernst Senff Chor findet zu Form und Klang. Am Ende, nach fünf Sätzen über sowjetischen Antisemitismus, Herrscherwillkür, die Mühen des Alltags und die Verwerfungen der Selbstsucht herrscht Ergriffenheit im Konzerthaus . Im ersten Teil des Konzerts war das indes nicht abzusehen, Inbal dirigiert Giselher Klebes „Espressioni liriche“ gewohnt präzise, aber ohne den Klängen nachzuhorchen. Danach Mozarts leichtfüßige Sinfonia concertante, wunderbar für eine Sommermatinee: Fragt sich, ob man einer so ernsten Bekenntnissinfonie wie der Schostakowitschs nicht Gewalt antut, wenn man sie in ein beliebiges Abonnementskonzert steckt. Ulrich Pollmann

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POP

Country, Liebe,

Mörder

Geboren in Virginia, aufgewachsen im Staat Washington, hat Neko Case während des Studiums in Vancouver in diversen Punkbands gespielt. Inzwischen lebt sie in Tucson, Arizona, wie ihre Freunde Joey Burns und John Convertino von Calexico und Howe Gelb von Giant Sand. Sie alle haben auf Nekos letzten Alben mitgespielt. Als Neko vor drei Jahren zum ersten Mal im Café Zapata auftrat, war viel Platz auf der kleinen Bühne. Ohne Schlagzeug, mit nur zwei Begleitern, geriet der Sound dann doch etwas dürr und blieb zurück hinter den großen Versprechungen des gepriesenen Albums „Blacklisted“. Jetzt ist die Bühne zugestellt mit Instrumenten, Verstärkern, Effektgeräten, Monitoren und einem Schlagzeug. Kaum Platz für sechs Musiker. Im Mittelpunkt die rothaarige Neko. Sie schrabbelt Rhythmus in eine weiße, viersaitige Gibson-Tenor-Gitarre in SG-Form. Sieht man selten. Hört sich gut an. Und wie viel überzeugender klingt heute ihre durchdringende Countryrockstimme, wenn sie eingebettet ist in so einen fabelhaft kompakten Sound. John Rauhouse spielt Banjo, diverse Gitarren und eine herausragende Pedal Steel. Paul Rigby verdichtet die Klänge geschmackvoll mit elektrischen und akustischen Gitarren. Und Rachel Flotard erweist sich als ausgezeichnete Duettpartnerin. Und als Stichwortgeberin für kleine Scherze zwischen den Songs. Songs zwischen Country, Rock und Pop, hauptsächlich vom neuen Album „Fox Confessor Brings The Flood“, aber auch ältere, die aus dem Fundus amerikanischer Folk-Tradition schöpfen: Liebesgeschichten und Mörderballaden. Diesmal übertraf das Konzert die Platte. H.P. Daniels

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