Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Um der

Ehre willen

Ein paar der schönsten Entwürfe der Architekturgeschichte sind Papier geblieben, auch in Berlin, noch im letzten Jahrzehnt. Daniel Libeskinds Hochhauskaskaden für den Alexanderplatz: genial, aber unbaubar. Der Begriff Papierarchitektur muss, begreift man Kreativität als Wert an sich, also kein Schimpfwort sein. Der seit 1852 alljährlich veranstaltete Schinkel-Wettbewerb des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin (AIV) gehört bis heute zu den Ideenkonkurrenzen für den architektonischen Nachwuchs, bei denen auch die preisgekrönten Beiträge prinzipiell Papier bleiben. Bestenfalls winkt ein erstmals 1856 vom preußischen König ausgelobtes Preisgeld. Zum Jahrestag präsentieren der traditionsreiche AIV und die Plansammlung der Technischen Universität, wo die Nachwuchsentwürfe seit 1953 gesammelt werden, das Beste aus 150 Jahren Schinkel-Wettbewerb im Kunstforum der Berliner Volksbank (Budapester Straße 35, bis 30. Juli). Preisträger wie Friedrich Adler, Franz Schwechten, Alfred Messel oder Hans Poelzig wurden schnell berühmt. Entwürfe wie die zum Dom am Lustgarten oder zur Museumsinsel nahmen spätere Planungen vorweg. Nach 1918 verlor der Schinkel-Wettbewerb an Relevanz. Papier ist geduldig.

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KUNST

Um des

Augenblicks willen

Die Menschen auf den Fotos von Melanie Manchot stehen da, als hätte jemand kurz „Stopp“ gesagt und „Alle mal herschauen“. Wahrscheinlich war es sogar so – überall Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder, die für den Moment der Aufnahme regungslos verharren und den Blick konsequent geradeaus richten. Und es gibt sie auch einzeln, diese melancholischen Bewohner einer großen Stadt, die hier Moskau ist, aber auch Berlin sein könnte. Die jungen Mädchen, die Manchot durch die Bank en face porträtiert, haben sich der Künstlerin nicht nur als Modell zur Verfügung gestellt, sondern ihr auch ihre Lebensgeschichten erzählt. Die kann man dann in der Werkschau der 1966 in Deutschland geborenen Engländerin im Haus am Waldsee über Kopfhörer hören, wobei man allerdings auf nicht allzu viel Optimismus gefasst sein sollte (Argentinische Allee 30, bis 28. Mai) . Doch nach einer Weile setzt ein merkwürdiger Effekt ein: Obwohl der Besucher viel über die Porträtierten zu erfahren scheint, bleiben sie einem am Ende eigentümlich fremd. So schafft Manchot Nähe ohne Intimität und also gerade genug Distanz, um keinen Voyeurismus aufkommen zu lassen. Insgesamt ein weiteres Beispiel des gelungenen Umkehrschwungs, für den Katja Blomberg, seit einem Jahr amtierende Leiterin des Hauses am Waldsee, in der Zehlendorfer Institution gesorgt hat. Ulrich Clewing

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