Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Lass mich

ein Eisbär sein

Die plüschige Atmosphäre im nostalgischen Spiegelzelt am Postbahnhof passt schon mal prima zum Auftritt der Dresden Dolls . Das Duo aus Boston hat sich ein Image gebastelt, das ganz auf den dekadenten Schick der Weimarer Republik abzielt. Mit Theaterschminke, Klamotten aus dem Roaring-Twenties-Fundus und stummfilmhaftem Grimassieren wirken sie wie Pantomimen in der Fußgängerzone.

Die eigentliche Überraschung: Zu keinem Zeitpunkt verschwindet die Musik der Dresden Dolls hinter all dem Mummenschanz. Amanda Palmer bearbeitet den Konzertflügel in allen Vehemenzabstufungen von zartestem Geklimper bis zu brachialem Akkordgehämmer. Dazu singt sie mit einer klassisch trainierten, klar timbrierten Stimme, die gern auch mal in punkiges Gefauche umschlägt. Brian Viglione ist ihr kongenialer Begleiter, der auf seine Schlagzeug-Schießbude mit einer Heftigkeit eindrischt, die an Berufskollegen im Hartmetall-Genre denken lässt. Neben den tollen, von einem spezifischen Pianodrive durchzogenen Songs ihrer bisherigen zwei Alben spielen sie eine gediegene Auswahl an Fremdstücken, darunter eine grandiose Version von Black Sabbaths Metal-Klassiker „War Pigs“ und das scherzhaft als „German Traditional“ angekündigte „Eisbär“ der Schweizer Wave-Band Grauzone. Die Dresden Dolls sind die ebenbürtigen Vaudeville-Verwandten der White Stripes.

* * *

KLASSIK

Bleicher Schmerz,

wilder Schrei

Klangwelten liegen zwischen den Komponisten Mozart und Hartmann – einziger Berührungspunkt scheint der gemeinsame Vorname Amadeus zu sein. Doch da nun mal ihre Jubeljahre des 100. und 250. Geburtstages unmittelbar aufeinander folgen, spannt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Reihe Fokus Amadeus je ein Klavierkonzert des Wiener Klassikers und eine Sinfonie des expressionistisch angehauchten Neobarocken zusammen: Bewundernswert allein, wie Chefdirigent Marek Janowski den stilistischen Spagat bewältigt. Federleicht schwebt Mozarts Klavierkonzert KV 488 ein, dieser „klingende Gottesbeweis“, dem Radu Lupu Leben einhaucht. Der rumänische Pianist widersteht dabei allen Verführungen zum virtuosen Glitzern, modelliert Figuren und Passagen mit unbestechlicher Klarheit heraus. In fast bedächtig genommenen Tempi erhalten sie ungeheure Plastizität und Beredsamkeit. Und Lupus voller Ton, der zum bleichen Flüstern herabsinken kann, hält stets die melodische Spannung, auch in riesigen Intervallsprüngen im schmerzerfüllten fis-Moll-Andante.

Wo Mozarts Schmerz sich in todtraurige, ätherische Schönheit verwandelt, schreit Hartmann ihn heraus. In seiner 7. Sinfonie von 1957 zeichnet der „Bekenntnismusiker“, der den Nazis mit „innerer Emigration“ trotzte, Schreckensbilder künftiger Bedrohungen. Auf dem Podium ist alles in Bewegung, scharfkantige Motive sausen durch die Instrumentengruppen, Klangfeuer züngeln aus grellen Holz- oder Blechbläsern. Wenn sie dort zur Ruhe gekommen sind, schlagen sie Funken aus Metallophon und Celesta, ersterben in Trommelgewittern. Bravos in der Philharmonie für diese virtuose Klangapokalypse. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben