Kultur : KURZ & KRITISCH

Falko Hennig

PSYCHOLOGIE

Die Leiden

der Celebrities

Borwin Bandelow kommt vierzig Minuten zu spät zu seinem Auftritt beim Verein für integrative Angebote am Prenzlauer Berg, er war gerade bei MTV, in der Sendung von Sarah Kuttner. Er könne nicht vorlesen, behauptet der Bestseller-Autor und erbringt mit dem Kapitel „Tod im Chelsea Hotel“ aus seinem Buch „Celebrities“ den Beweis. Es geht um die Borderline-Störung, ein Foto von Sid Vicious wird an die Wand geworfen, der Katzen gequält und getötet haben soll und später vor seinem eigenen Drogentod seine Freundin erstach. „Wenn Sie mich fragen“, sagt Bandelow, „wie werde ich glücklich? Spritzen Sie sich Heroin, das ist der schnellste Weg, aber dann werden Sie süchtig.“

Robbie Williams kann seinen Endorphinspiegel nur durch 100 000 Zuschauer anheben oder durch seine Sexsucht: „Wahllos wird alles mitgenommen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.“ Doch die Stars leiden, ihre Beziehungsunfähigkeit macht sie unglücklich. Als Priscilla Presley ihren Gatten Elvis zu den Scientologen bekehren wollte, schrie er: „Verdammte Hurensöhne, die wollen nur an meine Kohle!“ Da habe der Sänger sicher Recht gehabt, sagt der Göttinger Psychiatrie-Professor, aber Priscilla lebe noch, während Elvis längst seinem Lebensstil erlegen sei, zu dem neben der Drogensucht auch eine starke Essstörung gehört hat. Prominente mit sozialer Angststörung wie Barbra Streisand und Heinz Ehrhardt hingegen seien „zurückhaltend und nicht so pampig“. Auch der Papst schaue immer so schüchtern. Bandelow zeigt ein Foto des Heiligen Vaters mit einem Glas Weizenbier.

Der Professor referiert eine Stunde lang, dann ist Zeit für Fragen. Inwieweit er selber, der doch gerade von MTV gekommen sei, Teil seines Sachgebietes sei, will ein Zuhörer wissen. Bandelow streitet Affinitäten zur Glamourwelt nicht ab, wohl aber sein Talent. Man muss nicht berühmt sein, um am Borderline-Syndrom zu erkranken. In seiner Göttinger Klinik betreut Bandelow ausschließlich nicht prominente Patienten. Kein Psychiater habe ihm bisher widersprochen, nur Autoren, die selber Bücher schreiben und nicht so viele verkaufen, die hätten seine Thesen angezweifelt.

KLASSIK

Die Stille

vor dem Gewitter

Als Appetithäppchen sind die genialen Sonaten Domenico Scarlattis eigentlich zu schade, doch gelingt Bruno Leonardo Gelber mit vier dieser einsätzigen Köstlichkeiten im Kammersaal der Philharmonie zumindest ein leichtfüßiger Konzerteinstieg. Freilich ist die Ausdruckswelt der Vorklassik Gelbers Sache nicht. Statt den innovativen Stil dieser Musik herauszuarbeiten, benutzt der argentinische Pianist die Stücke als kultivierte Aufwärmübung. Um sich danach seinem erklärten Liebling zu widmen, Ludwig van Beethoven. Dessen 15. Sonate, ein lyrisches Stück und deshalb später auch als „Pastorale“ bezeichnet, bringt Gelber mit der Gelassenheit des Altmeisters zum Klingen. Er erlaubt sich wenige wirklich exponierte Momente, etwa im ersten Satz den fast tonlosen Stillstand zu Beginn der Durchführung, wo man meint, die Stimmung gespannter Ruhe vor dem Gewitter zu spüren. Ein solches bekommt das nach der Pause erwartungsfroh gestimmte Publikum dann auch zu hören, und zwar in Gestalt der dritten Sonate von Johannes Brahms.

Mit Gelassenheit ist hier nichts zu gewinnen. Stattdessen braucht es Risikofreude, um das aufgewühlte Stück des erst 20-jährigen Brahms zu durchstehen, jenes Musterbeispiel für den Spagat zwischen strenger Form und den atemberaubenden kompositorischen und pianistischen Möglichkeiten der Hochromantik. Zur Unzeit fast bringt Brahms hier die alte Tante „Sonatenform“ noch einmal zum Blühen: mit dichten motivischen Verknüpfungen zwischen den Sätzen, dazu dem kompletten Aufgebot des manuell Machbaren – Doppeloktaven, dauernden Lagenwechseln und einem halsbrecherischen Finale. An der Klippe von Brahms’ op. 5 kommt kein großer Pianist vorbei.

Und auch Gelber ist wie verwandelt. Gleich die kantigen Attacken im ersten Satz spielt er mit rücksichtslosem Willen zum pianistischen Raumgewinn, die Temposchwankungen im Finale kostet er fast so hemmungslos aus, wie einst Walter Gieseking. Mag Gelbers Dramaturgie – leichtfüßiger Scarlatti, ernster Beethoven, packender Brahms – auch etwas stereotyp erscheinen: Auf diesem Niveau vorgetragen, wird allemal ein vergnüglicher Abend daraus. Ulrich Pollmann

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