Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

SPORTKULTUR

Schlag

auf Schlag

Zivilisatorische Errungenschaft: Wurden vor 3000 Jahren in Mexiko Mitspieler des Ballspiels Pok Ta Pok kurzerhand geopfert, werden sie heute fotografiert. Im Rahmen des Kulturprogramms der Bundesregierung zur WM wird der MayaSport, der eher an Volley- und Basketball als Fußball erinnert, an drei Tagen auf dem Platz vor dem Roten Rathaus in Berlin vorgestellt (noch heute von 15-21 Uhr). Imposant geschmückt und geschminkt bereiten Mayaspieler mit Weihrauch und Tänzen das Feld. Trommeln, Flöte und Muschelhorn begleiten die Zeremonie. Auch während des 30-minütigen Matchs wird ein anspornender Rhythmus geschlagen. Es gilt, den Kautschukball mit dem Ellenbogen durch den an einer Pyramide befestigten Ring zu schießen. Schnell entwickelt sich ein temporeicher Kampf.

Nicht weniger rasant verlief die Diskussion, die am Freitag dem Spiel vorausging: ZEIT-Chef Giovanni di Lorenzo vermittelte zwischen dem gut gelaunten Klaus Wowereit und der Moderatorin Sandra Maischberger, die sich als schnippische Fußballhasserin präsentierte. DJ Paul van Dyk, der an der abgesagten Eröffnungsgala von André Heller hätte teilnehmen sollen, ergänzte das rhetorische Pok Ta Pok mit Andeutungen zur mangelnden Professionalität der mit Heller zusammenarbeitenden Agenturen. Nachdem die Diskutanten ein Themenspektrum entfalteten, das von rassistischer Gewalt über den fraglichen WM-Ticket-Markt bis hin zu mafiösen Fußballfunktionären reicht, sehnt man sich nach Vorzeiten zurück, in denen alles einfacher war.

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JAZZ

Tiefer

und tiefer

Die Stimmung ist erwartungsvoll, als James Carter mit vier Instrumenten in den Armen die Bühne des Quasimodo betritt. Vor gut zehn Jahren trat er hier nach seinem Debütalbum „J.C. On The Set“ das erste Mal in Berlin auf. In bronzefarbenem Anzug tritt er ans Mikrofon und stellt sein Trio aus Detroit vor: Gerard Gibbs, Hammond-Orgel und Leonard King, Schlagzeug. Es ist ein tief grollender, sehr schwarzer Gospel-Sound, der aus der Orgel kommt und das Fundament für Carters Tenorspiel bildet – ein Tribut an Johnny Wilder, den am vergangenen Samstag verstorbenen Sänger der Gruppe „Heatwave“. Das Saxofon holt tief aus und umkreist und erweitert die Melodie. Mit geschlossenen Augen taucht Carter immer tiefer ein. Vorbei das nervös kichernde Klappenspiel, mit dem er bei seinen letzten Auftritten das Publikum ratlos zurückließ. Nach Aufgabe seines Major-Plattenvertrages vor zwei Jahren und der Gründung seines Hometown-Orgeltrios scheint James Carter sich wiedergefunden zu haben.

Die Musik des Trios ist ein Tribut an die Ikonen schwarzer Musik. So erweist er dem Soulfunk der 70er Jahre seine Referenz und geht dann weiter zurück, bis zum frühen Robin Gibb. Später spielt er zärtlich zerrissene Melodien auf der Querflöte und immer weitere Zugaben, bis er, auf seinen frühen Weiterflug am nächsten Tag verweisend, darum bittet, ihn gehen zu lassen. Maxi Sickert

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OPER

Schräger

Schauder

Operneinakter sind in der Regel nicht abendfüllend, und so hat sie ihr Schicksal dazu bestimmt, mit anderen verkuppelt zu werden. Selten wirkt das so überzeugend wie bei dem schrägen Paar, das Kay Kuntze mit der Berliner Kammeroper im Saalbau Neukölln auf die Bühne bringt. A Gentle Spirit von John Tavener und The Bear von William Walton nach Dostojewski und Tschechow umkreisen in Geschichten von männlichen und weiblichen Sonderlingen die Grenze zwischen Tod und Leben. Der Pfandleiher des ersten Stückes ist ein lebender Toter, der ein Mädchen systematisch vernichtet, die verwitwete Gutsbesitzerin des zweiten Stückes spielt mit allen Registern der Hysterie eine Tote, die auf Wiederbelebung durch den Gläubiger ihres Mannes wartet. Stimmungsvoll und präzise die Bühnenbilder: Der Raum des Pfandleihers ist leer, nur eine Mauer als Tresen markiert die Grenze zwischen Geben und Nehmen, die Witwe hingegen thront in einer Art Rumpelkammer. John Taveners Musik gewinnt durch ritualhafte Wiederholungen eine Eingängigkeit, die die Schauergeschichte ins Spirituelle überhöht und William Waltons Partitur sprüht vor englischem Humor, der von Mary Lloyd-Davies als gutmütige Hysterikerin genussvoll ausgespielt wird. Thomas Aeberhards Tenor beeindruckt in den fast absurden Höhen, in die Tavener die gespaltene Persönlichkeit seines Pfandleihers treibt. Martin Wilkening

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