Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Ballroom in

Bonbonfarben

Belle & Sebastian haben sich ihren Namen von einem französischen Kinderbuch geliehen, das von einem Jungen und seinem Hund handelt. Das ist niedlich. Die vielen jungen Frauen im Publikum finden auch Belle & Sebastian niedlich, besonders den charmanten Sänger Stuart Murdoch, der so ausgelassen tanzt und hüpft im knallengen weißen Hemd. In der Columbiahalle werfen sie ihm allerlei Sachen auf die Bühne: Blumen, ein Tuch, eine Matrosenmütze. „Bin gespannt, was noch kommt“, sagt Murdoch und singt mit einer Stimme, die irgendwo zwischen Ray Davies und Donovan liegt und die in den höheren Lagen gelegentlich aus der Intonation trudelt.

Murdoch lacht. Das schlechte Wetter hätten sie wohl aus ihrer Heimatstadt Glasgow mitgebracht. Dafür ist ihre Musik umso sonniger. Fröhlicher Pop, zu dem alle wippen und tanzen und sich freuen, ansteckend heiter gespielt von bis zu neun Musikern, die ein bisschen wie eine Showband der sechziger Jahre wirken. Auf einer Bühne, die bonbonfarben angestrahlt ist wie ein Ballroom von damals, tauschen sie ständig die Instrumente: Schlagzeug, Bass, Gitarren, Keyboards, Geige, Cello, Flöten, Melodica, Vibrafon, Trompete. Der feine Harmoniegesang erinnert mal an die Searchers, mal an Crosby, Stills & Nash.

Überhaupt sind Belle & Sebastian große Eklektiker, die ganze Passagen älterer Songs zu neuen zusammenbasteln, so dass sich ältere Menschen fragen, wo sie das schon mal gehört haben: Beach Boys? Byrds? Kirsty McColl? Nancy Sinatra? Beatles? T. Rex? Siebziger-Jahre-Disco? Glam-Rock? Und ein bisschen Elektronik mit den kantigen Beats der Achtziger und dementsprechend eckigem Tanzstil. Bei Belle & Sebastian kommt alles zusammen, locker, flockig, leicht. Manchmal fast ein bisschen zu leicht. Dass es wegfliegt, bevor man es zu fassen bekommt.

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KLASSIK

Ewigkeit und

Höllensturz

Der Run, den die Symphonien Gustav Mahlers zurzeit erleben, zeugt von einer Suche nach Sinn, die man im Einerlei des Konzertbetriebs fast verloren geglaubt hätte. Schließlich erhoffen wir von der Musik das Unwahrscheinliche: dass aus Schallwellen ein Sinn entspringt, womöglich gar das Wunder der Liebe. Natürlich garantieren Mahlers Werke auch immer einen großen Showeffekt. Doch schneller als alle anderen spätromantischen Bravourbrocken geraten sie an den Rand monströsen Getöns, wenn ihre innere Welt nicht geschaut wird. Ein bekenntnishaftes Werk wie Mahlers „Auferstehungssymphonie“, das sich das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin auf die Pulte des Konzerthauses gelegt hat, verlangt nach einer Haltung. Unser Leben und Sterben will Mahler darin umfassen, nicht weniger. Eine saubere Schlagtechnik des Dirigenten hilft bei der Formulierung – nur, was will eigentlich gesagt werden?

Das orchestrale Niveau und Engagement des RSB unter Thomas Dausgaard bleibt über weite Strecken untadelig. Doch unter dem dunklen Drängen des Eröffnungssatzes findet sich kein Ausdruck der Trauer, sondern nur die Anspannung harter Arbeit. Wunderbar der zarte Einsatz des Rundfunkchors „Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du“, gebührend leise vor allem. Doch Mahlers Vision eines allmächtigen Liebesgefühls, das uns statt Höllensturz nach dem Tode umfangen soll, verdampft im lärmenden Orchestergetümmel. In der Ohrmuschel wird es eng, zu eng für ein kleines Stück Ewigkeit. Ulrich Amling

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