Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Büffel donnern

über Autoreifen

Mögen im Tempodrom die Zappa-Söhne ihren Vater fleddern – die wahre „Freakout“-Veranstaltung findet im Maria statt, wo mit den Boredoms aus Osaka eine Band auftritt, die seit zwanzig Jahren die Musikszene mit abgedrehten Konzepten bereichert. Es ist eine eigenwillige Musik, die sich die Band von Yamatsuka Eye ausgedacht und von zappeligen Noise- Punk-Eruptionen zum tranceartigen Super-Groove-Ding erweitert hat, das sich am Freakout-Szenario drogenumnebelter Krautrockbands, spirituellen Free Jazz und japanischen Trommelorchestern orientiert. Schon das erste Stück dauert knapp dreißig Minuten. Exzessive Stakkato-Attacken treiben den Gesamtsound in das tobende Zischen klaustrophobischer Zustände.

Eine psychedelische Space-Orgel, rückwärts laufende Tonbandschlaufen und schräge Chorgesänge treffen sich mit Frank Zappa und der Soft Machine zum beglückenden Dauercrescendo, das sich anhört wie eine Büffelherde, die über eine Halde abgewetzter Autoreifen donnert. Mittendrin: Yamatsuka Eye, der schamanenhafte Anführer mit Rastalocken, hinter seinem Effektgerätepult. Die eigentliche Show liefert aber eine zur Familie gehörende Kamerafrau, die ein schlafendes, mit riesigen Ohrschützern ausgestattetes Baby rucksackartig auf dem Rücken trägt, während sie auf der Bühne filmt, wie die Band in ekstatischem Lärm aufglüht.

FILM

Generationskonflikte enden

in der Gletscherspalte

Er ist jedesmal anders und doch immer neu spannend: der Probelauf der Filmstudenten in der Akademie der Künste . Mal stehen die Eleven der Potsdamer Filmhochschule als Erste am Start, mal die Talente der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), und in der Mitte laufen die Gäste, die in diesem Jahr von der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich kamen. Stolz verkündete dffb-Direktor Hartmut Bitomsky, dass der Regisseur des Eröffnungsfilms „Firn“, Axel Koenzen, nach Cannes eingeladen war, wo seine Abschlussarbeit in die Reihe „Un certain regard“ lief.

Der Erfolg ist verdient, auch wenn bei der hochstilisierten Vater-Sohn-Geschichte, die in einer Gletscherspalte am Großglockner endet, keine Fröhlichkeit aufkommen kann. Den stärksten Eindruck bei den Schweizer Gästen hinterließ Gabriel Sandru mit dem Beinahe-Thriller „Concluzie“: Wie einem Geschwisterpaar in Bukarest nur Prostitution und Kriminalität bleiben, um die Operation der Mutter zu bezahlen. In Deutschland dagegen scheinen manche Kinder aus purer Langeweile zu kleinen Ungeheuern zu werden, wie Fabian Möhrkes Talentprobe aus dem zweiten Studienjahr, „Du bist tot“, eindrucksvoll spiegelt. Aber dann feierte Dirk Hilbertt mitten im Alltag von Kalkutta eine Kathak-Tänzerin: furios montierte Bilder, die jede Müdigkeit vertrieben. Hans-Jörg Rother

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