Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Jemand aus Idaho hier?

Nee, Moabit!

Früher war der Schwede Nicolai Dunger noch eine Hauptattraktion. Heute ist er Vorprogramm im Club 103 . Mit angejazzeltem Gitarren-Geschrägel zu einer Art nonverbaler Urschreitherapie mit Fistelstimme. Anstrengend. Ganz anders der Amerikaner Josh Ritter . Mit sonnigem Lächeln hängt er sich die Martin-Gitarre um, sagt „Hello“. Und schon hat er das Publikum um den Finger gewickelt. Ein charmanter 29-Jähriger aus Idaho, der so rührend jungenhaft wirkt, dass die Mädchen ihm sofort eine Stulle schmieren möchten. Weißes Hemd, schwarzer Anzug, Wuschelhaar und Oberlippenflaum: Im diffusen Discolichtgeflatter wirkt er wie eine Mischung aus Helge Schneider, Paul Breitner und Bob Dylan. Kürzlich ist sein viertes Album erschienen, „The Animal Years“ (V2). Und zu Dylans 65. Geburtstag singt er eine hübsche Version von „Girl Of The North Country“.

Auch in den eigenen Songs spürt man oft einen Hang zu Bob. In den Melodien, den Worten, den Gedankenströmen. Ebenso in den Arrangements der Band: Gitarre, Bass, Schlagzeug, und Orgel mit typischem Like-A-Rolling-Stone-Grollen. Gute Band, alte Freunde. Man versteht sich auf Zunicken und Lächeln. „Jemand aus Idaho hier?“ – „Nee, Moabit!“ Nächster Song. Folk, Rock, Americana. Leonard Cohen, Steve Earle, Bruce Springsteen im Kopf. Melancholische Balladen, fröhliche Tanzstampfer. Und zur Zugabe, ohne Mikrofon, ohne Verstärkung: „California“. Betörend. Schade nur, dass anschließend noch mal Nicolai Dunger mit auf der Bühne steht und den Dr.-John-Song „Such A Night“ niederbrüllt.

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VIDEOKUNST

Zukunft

ist machbar

„Whatever will be, will be / The future’s not ours to see.“ In ihrer Installation „Costume Party“ zitiert die pakistanische Videokünstlerin Maryam Jafri Doris Day. Sie meint das ironisch. Denn sich einfach zurückzulehnen und Geschichte geschehen zu lassen, ist gerade nicht die Einstellung, die ihre Ausstellung vermitteln möchte. Unter dem Titel Colony & Native geht sie im Neuen Berliner Kunstverein dem Einfluss von Geschichte auf die Genese nationaler und supranationaler Identitäten nach (Chausseestr. 128/129, bis 25. Juni, Di-Fr 12-18 Uhr, Sa /So 14-18 Uhr). Die Dreikanal-Video-Installation „Costume Party“ versammelt 18 Partygäste, gekleidet in Gewänder aus wichtigen Epochen der Kolonialstaaten. Die Atmosphäre ist drückend wie in einem Treibhaus. Von draußen naht eine diffuse Bedrohung. Es bleibt unentschieden, was Spiel ist und was Ernst. Das stilisierte Agieren der Schauspieler verhindert jede geschlossene Fiktion.

Jafris Collage-Serie „Siege of Khartoum, 1884“ kombiniert Zeitungsartikel über Kriege seit der Blütezeit des britischen Empires mit Fotos aus dem Irakkrieg. Die Invasion als Folge eines von der Geschichte diktierten Drehbuchs. Kopflastige Kunst ist das und wenig sinnlich. Doch sie passt zur unbequemen Botschaft. Jafri selbst antwortet auf Doris Day: „Die Zukunft ist bereits geschrieben“ – aber „von uns“. Kolja Reichert

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KLASSIK

Vergangenheit

ist dehnbar

Auf den Konzertplakaten tauchte der Name Schönberg nicht auf. Er passt offenbar nicht ins Image der Geigerin Midori . Und das, obwohl aus dem temperamentvoll-agilen Teenager längst eine erwachsene Künstlerin geworden ist: Midoris Programme sind anspruchsvoll, ihre Spielfreude hat sie dabei nicht verloren. Schönbergs „Phantasie“, eine späte Erinnerung an die expressionistische Phase des Komponisten, ist im herben Klanggewand reine Ausdrucksmusik, deren formale Freiheit zur Gestaltung des höchsten Virtuosentums bedarf. Midori spielt das Stück als fantastischen Monolog, mit äußerster Präsenz im ständigen Umschlagen zwischen exaltierter Selbstdarstellung und versunkenem Hineinhorchen in ferne Echos einer vergangenen Welt.

Auch Prokofjews Sonate in f-moll, wie Schönbergs „Phantasie“ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, spricht von Erinnerung und Verlust und behält bei allem Ansatz zum Monumentalisieren doch etwas Unbehagliches, Unheimliches. Midori artikuliert diesen Einspruch deutlich, ihr sparsames Vibrato bewahrt die Reinheit der lyrischen Passagen. Und Beethovens c-moll-Sonate mit ihren zerfetzten Motiven, den grummelnden Klavierbässen und leidenschaftlichen Höhenflügen wühlt sich wie ein Sturm durch den Kammermusiksaal der Philharmonie, berstend vor rhythmischer Energie, traumhaft in Zusammenspiel mit dem langjährigen Klavierpartner Robert McDonald. Martin Wilkening

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