Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Geheimnis

der Farben

Seit 42 Jahren ist Bernard Haitink den Ber liner Philharmonikern als Gastdirigent verbunden. In ihrer bewegten Existenz stellt er eine stille Konstante dar. An guten Tagen wie an diesem ist in der ausverkauften Philharmonie zu entdecken, dass Simon Rattles verjüngtes, verändertes Orchester noch immer so frei ist, auch einen Haitink-Klang zu entfalten. Und die Sechste von Anton Bruckner, die gelöster, weniger blockhaft und monumental ist als die anderen Symphonien des Komponisten, kommt der gemeinsamen Interpretation entgegen.

Da die Dramatik der Generalpausen entfällt, blühen Überleitungen der Flöte Andreas Blaus, der Oboe Albrecht Mayers auf. Auskomponierte Ruhe, Naturstimmen, Zwischenwerte: Haitinks Musizieren aus Geheimnis und Kontrolle, die in diesem Fall nur im Finale ein wenig nachgibt, wird mit Wärme von den Philharmonikern erwidert. Einer von ihnen, der Solohornist Stefan Dohr, spielt das vierte der Konzerte, Es-Dur KV 495, die Mozart dem Repertoire des Instruments geschenkt hat. Die Interpretation lässt ahnen, warum der Komponist sich bei der Niederschrift verschiedener Tintenfarben bedient hat. Differenzierung ist darin, singendes Pianissimo und Virtuosität im Dienst einer schönen musikalischen Rede. (Nochmals heute)

* * *

ROCK

Eine Klasse

für sich

Corin Tucker bedankt sich für die Komplimente, die die glücklichen Fans ihr nach dem Konzert machen. Sie strahlt noch immer vor positiver Energie, mit der sie und ihre Band Sleater-Kinney gerade 90 Minuten lang die Betonwände der Maria am Ostbahnhof zum Glühen gebracht haben. Sie brauchten dazu nur zwei Gitarren, ein Schlagzeug und ihre Stimmen. Vor allem Tuckers oft in spitzige Höhen schießender Gesang prägt den Sound des Trios aus Portland. Am Schlagzeug wirbelt Janet Weiss mit Haaren und Drumsticks. Derweil driftet Gitarristin Carrie Brownstein hinter ihrem Haarvorhang langsam in einen Rausch. Wenn sie mitsingt, bringt sie eine wunderbare weitere Farbe in das Feuerwerk.

Die Band spielt vor allem die Songs ihrer letzten beiden Alben „One Beat“ und „The Woods“, die hier noch kraft- und prachtvoller wirken als auf Platte. Sleater-Kinney überzeugen in jeder Sekunde. Mal klingen sie wie die B-52s mit Raketenantrieb, mal wie die Cousinen von Sonic Youth, doch meistens sind sie eine Klasse für sich: eine selbstbewusste Rockband, die sich seit ihren Anfängen im Riot-Grrrl-Movement kontinuierlich zur Indie-Kultband entwickelt hat. Das Frauentrio hat in einem männerdominierten Genre seinen eigenen Stil gefunden – und damit auch das Genre verändert. Exzellent! Nadine Lange

* * *

FILM

Untergrund,

kunterbunt

Für einen heranwachsenden Transvestiten ist das Irland der sechziger Jahre nicht gerade der ideale Ort zur Selbstfindung. Wer es zwischen provinzieller Enge, knallhartem Katholizismus und bierernsten IRA-Kämpfern schafft, entlang der Geschlechtergrenzen zu wandeln, muss sich seiner Sache sicher sein. Patrick (Cillian Murphy), der lieber „Kitten“ genannt wird, heißt der Held von Neil Jordans „Breakfast on Pluto“ (Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Omu im Babylon Mitte und Hackesche Höfe, OV im Cinestar Sony-Center). Schon als Kind interessierte er sich mehr für Lippenstift und Frauenkleider als für die republikanische Sache. Vielleicht, weil seine Identität die einzige Gewissheit im Leben des Waisenjungen ist, der als Findelkind vor der Tür des Pfarrers (Liam Neeson) abgelegt wurde.

Immerhin bringt die Libertinage der Siebziger auch in Irland eine gewisse Erleichterung mit sich. In einem Wohnwagen richtet Patrick sich ein – und als er dort IRA-Waffen entdeckt, entsorgt er sie kurzerhand in den See. Natürlich verstehen die republikanischen Aktivisten keinen Spaß, aber gegen die unkaputtbare Contenance des Transvestiten können auch die härtesten Untergrundkämpfer nichts ausrichten. Auf der Suche nach der unbekannten Mutter landet Patrick in London. Auch dort holt der Bürgerkrieg ihn ein, als er unter Verdacht gerät, als Cross-Dress-Terrorist eine Bombe in einer Soldatendisco gelegt zu haben.

Bereits 1992 stürzte der irische Regisseur Neil Jordan in „The Crying Game“ einen IRA-Kämpfer durch die Liebe zu einem Transvestiten in die Krise. Mit „Breakfast on Pluto“ – nach einem Roman von Pat McCabe – knüpft er vordergründig an seinen Erfolgsfilm an. Zwar rechnet Jordan diesmal leichtherziger mit der politischen Unkultur seines Landes ab, zugleich aber auch radikaler. Wie ein Engel stöckelt Cillian Murphy durch die ideologische Verkrampfung seiner Zeit. Der bonbonbunte, magische Realismus, mit dem Jordan die triste Wirklichkeit umzuformen sucht, wirkt dennoch etwas angestrengt. Martin Schwickert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben