Kultur : KURZ & KRITISCH

Falko Hennig

FUSSBALLKUNST

Männer und

Mullbinden

Der Zeichner F. W. Bernstein ist im Publikum, wie auch die Publizisten Michael und Katharina Rutschky samt Cockerspaniel. Insgesamt sind es etwas über 20 Menschen in der Altersklasse über 30, die in den beiden Räumen der Galerie R 31 (Reuterstr. 31, Sa und So, 15 – 20 Uhr, bis 18. 6.) die Bilder von Barbara Wrede begutachten. Zum großen Teil zeigen die Gemälde Fußballer. Aber, wie Gasterzähler Kurt Scheel betont, die Malerin hat die Motive nicht aus aktuellen Gründen gewählt, sondern aus ehrlichem Interesse. Eine Serie zeigt „Schöne Männer mit Verletzungen“, deren blutende Wunden angemessen mit Mullbinden abgedeckt sind. Über die zweite Serie, „Männer, die sich ausziehen“, tauschen sich die Frauen fachmännisch aus, welchen davon sie gerne hätten.

Kurt Scheel , stattlicher „Merkur“-Herausgeber und führender Cinephiler, spricht 20 Minuten frei über Mein Leben als Fußball mit zwei recht wohltönenden Gesangseinlagen. Einmal bringt er die Hymne seines Knaben-Fußballvereins dar und als zweites die der WM 1966 in England. Man staunt nicht schlecht, zu erfahren, dass der attraktive Mittfünfziger als Junge in Altenwerder nur durch Einsatz seines Bruders in die Fußballmannschaft gewählt wurde und lediglich „aus Käse“ mitspielen durfte. Atemlos lauscht das Publikum, als Scheel beschreibt, wie er als Mittelfeldspieler bei hoffnungslosem 8:0-Rückstand die gesamte gegnerische Mannschaft umdribbelte, um mit einem Ehrentor die Moral der Mannschaft zu retten. Wohl niemand der Anwesenden wird nach dieser Abenteuergeschichte bei der bevorstehenden WM auf ein Spiel von ähnlicher Spannung hoffen. Im Vergleich zu Scheels Fußballerinnerungen kann die WM nur fade werden. (Am 31. Mai Lesung von Katharina Rutschky, Martin Z. Schröder und Barbara Wrede: „Männer, Frauen, Fußball und so“, 19.30 Uhr).

FILM

Kurden und

Hürden

Als Saddam Hussein in den Achtzigern Krieg gegen Iran führte, fand er, die lästigen Kurden könnten da ruhig ein wenig mitmachen. Man griff sie an Straßensperren auf und schickte sie an die Front. So wie Ako in der kurdischen Komödie Kilometre Zero (Babylon Mitte, OmU im Balasz, Eiszeit), der beim besten Willen nicht begreift, was er in einer irakischen Armee zu suchen hat und wieso Iran sein Feind sein soll. Ist nicht Saddam sein Fein? Er hat nur einen Gedanken: Desertieren!

Regisseur Hiner Saleem , irakischer Kurde, floh mit 17 aus dem Irak. Als Saddam stürzte, drehte er gerade „Vodka Lemon“ in Armenien. Er bekam viele Preise dafür und wollte unbedingt einen Film im saddamfreien Kurdistan drehen. Normalerweise ist das Hauptproblem eines Regisseurs: Wie finanziere ich das? Saleem hatte ein anderes Hauptproblem: Woher bekomme ich eine Kamera? Saleem fand im ganzen Irak keine Kamera. Mehr noch: Saddams Standbilder waren geschleift. Saleem brauchte aber eins. Kein Bildhauer ließ sich überreden, eine Saddam-Statue anzufertigen. Als sich doch einer fand, ragte die Statue über die Gartenmauer: Der Bildhauer kam ins Gefängnis, die Statue wurde konfisziert ...

Im Film fährt der steinerne Saddam meist auf einem Lkw durch die Wüste. Das soll skurril sein, ist es aber nicht. Der Grat zwischen Aberwitz und Penetranz ist manchmal sehr schmal. Ako (Nazmi Kirik) hält im Schützengraben sein Bein den iranischen Geschützen zum Abschuss entgegen. Lieber ein Bein weniger und dafür die Freiheit! All das wirkt holzschnittartig: hier die witzigen, freiheitsliebenden Kurden, dort die saddamhörigen, dummen Unterdrücker-Araber. Erst recht, als Ako mit einem arabischen Fahrer einen toten Märtyrer zu seiner Familie bringt – quer durch den Irak. Schöne Idee. Aber der Reiz eines Roadmovies liegt darin, dass man anders ankommt, als man losgefahren ist. Kerstin Decker

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