Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

POP

Aufschnappende

Regenschirme

„Teurer Freund, du bist verliebt, / Und du willst es nicht bekennen, / Und ich seh des Herzens Glut / Schon durch deine Weste brennen.“ Ja, das ist der Heinrich-HeineSound, die poppig-kesse Buch-der-Lieder-Lieblichkeit, die den Düsseldorfer schon zu Lebzeiten zum meistvertonten deutschen Dichter machte. Auf dem Abschlusskonzert der Veranstaltung Deutschland liest auf dem Bebelplatz machen die Bonner Indiepopper von Voltaire aus zwei dieser Schmachtfetzen schwelgerische Rockhymnen. Da hört man das dunkle Sehnen und das ganz schön große Weh, Sänger Roland Meyer de Voltaire schwingt sich die Haare aus der Stirn und greift die Gitarre fester, im begleitenden Bombast des Deutschen Filmorchesters Babelsberg saufen die Texte etwas ab, das stört aber nicht, denn die Stücke sind abwechslungsreich arrangiert und überzeugend hingelegt, und auch Voltaires etwas anstrengende Kopfstimme kommt nur im allerwildesten Schmerzensdrang zum Einsatz.

Auch die Global-Pop-Combo Schiller ist zur Heine-Vertonung eingeladen, Mastermind Christopher von Deylen drückt sphärisch-ätherische Klangflächen aus dem Synthesizer, Sängerin Jette von Roth dehnt und haucht die Worte, so dass „Wald“ zu „Wa-ch-ald“ wird, „Auge“ zu „A-ch-auge“, die Streicher legen sich in die Kurve, der Regen prasselt stimmungsvoll aufs Zeltdach. Die knapp 300 Zuschauer finden’s spitze, als Rausschmeißer wird noch der alte Heine-Hit von der Loreley gelesen, dann schnappen die Regenschirme auf.

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KLASSIK

Romantische

Klangwogen

Das Dirigentenforum des Deutschen Musikrates gibt jungen Dirigenten, was für sie oft schwer zu finden ist – ein Instrument. In Meisterkursen erhalten sie die Möglichkeit, mit Spitzenorchestern zu arbeiten. So stellen wohl weniger die Konzerte als die vorausgehenden Arbeitsphasen für die Teilnehmer die eigentliche Herausforderung dar. Peter Gülke als Mentor brachte das Berliner Sinfonie-Orchester diesmal mit vier Nachwuchstalenten zusammen. „Halb pädagogisch, halb künstlerisch“ nannte Gülke den Abend im Konzerthaus , und das war auch eine Erklärung dafür, dass sich drei der Kursteilnehmer die Leitung der Stücke teilen mussten. Cornelia von Kerssenbrock erreichte in Haydns Oxford-Sinfonie zwar stabile Tempi und präzise Übergänge, sehr sprechend wirkte die Musik jedoch nicht, der einförmige Schlag der rechten Hand erfuhr durch eine eher unsichere linke kaum Belebung. Andreas Schüller, der ab dem Menuett übernahm, brachte mehr rhythmischen Biss hinein, der Klang wurde kompakter, das Musizieren temperamentvoller.

Solch musikantisches Gespür bewährte sich erst recht im 5.Cellokonzert des Dvorák-Zeitgenossen Franz Neruda, dessen romantisches Wehen und Wogen Schüller souverän zwischen Orchester und der ausdrucksstarken Solistin Beate Altenburg koordinierte. Trotz großer Unterschiede im Dirigierstil, wie aus einem Guss wirkte die virtuose Wiedergabe von Witold Lutoslawskis frühem Paradestück, dem „Konzert für Orchester“. Von Kevin John Edusei sehr souverän und locker, unter Ulrich Kern noch mit etwas Anstrengung geführt, konnten die Musiker des BSO hier auch ihr solistisches Potenzial frei entfalten. Martin Wilkening

KLASSIK

Spritzendes

Theaterblut

Es ist eindeutig „in“, klassische Konzerte an Orte zu verlegen, die wegen ihrer Bestimmung als industrieller Nutzort lange Zeit für den hohen Kunstgenuss ausgeschlossen schienen. Die „RuhrTriennale“ hat’s vorgemacht. Ob Maschinenhallen oder Kohlezechen: Ehemalige No-go-Areas entdeckt man als inspirierende Industriedenkmäler, in denen man wegen der räumlichen Weitläufigkeit, der halligen Akustik und den säulenartigen Stahlträgern oft den Nimbus sakraler Kirchenräume zu finden meint. So ein Ort ist das Umspannwerk im Prenzlauer Berg, wo fünf Solisten des RIAS-Kammerchores in ihrem 4. Forum-Konzert alte und neue Vokalmusik miteinander in Dialog treten ließen. Passend zum Kirchenjahr eröffnete Sopranistin Christina Kaiser mit einem Pfingsthymnus aus dem 12. Jahrhundert, dessen obligate, in sich ruhende Schwerelosigkeit sich vor dem Hintergrund massiver Stützsäulen und Eisenverstrebungen des ehemaligen Stromwerkes wunderbar entfalten konnte. Gleiches galt auch für die sakralen Motetten und Hymnen von Palestrina, Dufay und Perotin. Neben diesen leisen und kontemplativen Momenten unterhielt das vortrefflich aufgelegte RIAS-Quintett unter Dirigent Simon Berg mit humoristischen zeitgenössischen Kompositionen. Unter dem musikalischen Leitsatz „Die Hoffnung auf die Musischen ist zuende“ (Ernst Bloch) wurde gekräht, gehechelt und gekrächzt, bis die Glottis blutete und sich rot – Ekeltheater ante portas – über das durchscheinende Hemd der Sopranistin ergoss. Britta Richter

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POP

Fontänen von

Mineralwasser

Auf dem Cover ihres Debütalbums „Fever To Tell“ standen die Köpfe der Yeah Yeah Yeahs in Flammen. So waren damals auch die Konzerte dieser außergewöhnlichen Band aus New York: am Rande des Wahnsinns, lodernd vor sonischer Energie. Mittlerweile lassen sie es auf Platte etwas ruhiger angehen, aber im Postbahnhof konnte man sich davon überzeugen, dass ihr Feuer noch brennt. Karen O, im roten Seidenkleid eine Sirene der Sinnlichkeit, denkt nicht daran, ihre Stimmbänder zu schonen. Mit einem Organ wie ein Peitschenknall schreit, kreischt, gurrt sie sich durch explosiven Garagenrock. Immer noch täuscht sie mit dem Mikrofonkabel lustvolle Strangulationsscharaden an und steckt sich beim infernalischen „Art Star“ das Mikro zu markerschütterndem Gebrüll in den Rachen. Aber das latent Selbstzerstörerische früherer Auftritte ist einer gewissen Heiterkeit gewichen.

Karen O wirkt glücklich und entrückt, wenn sie wie die Hohepriesterin eines heidnischen Ekstasekultes herumspringt und Mineralwasserfontänen in die Luft speit. Dabei kann sie sich auf das traumhafte Zusammenspiel ihrer Kollegen verlassen: Nick Zinner ist ein herausragender Gitarrist, der mit seinem Können nicht angeben muss. Seine metallisch-minimalistischen Blueschiffren tragen die störrischen Songs melodisch über die Ziellinie, während Brian Chase ein effektives, spektakuläres Trommelfeuer entfacht. Auch wenn neue Stücke wie „Turn Into“ oder „Gold Lion“ eher das Hymnische als das Eruptive hervorkehren, gönnt das Repertoire den dreien kaum Atempausen. So ist nach 70 Minuten Schluss. Mehr wäre auch zu viel verlangt gewesen. Jörg Wunder

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