Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Rosenblätter

und Disteln

Ausverkauft ist der Kammermusiksaal eigentlich nie. Außer an jenen raren Sonntagnachmittagen, an denen Götz Teutsch zum Philharmonischen Salon lädt. Wenn dort die Musik mit der Literatur ihrer Epoche Zwiesprache hält, verschiebt man gerne jedes Kaffeekränzchen. Im achten Jahr schon wird der Teppich auf dem Podium ausgerollt und das filigrane Lesepult aufgestellt – und doch war diese Zusammenkunft eine ganz besondere. Teutsch, der Salon-Initiator, geht in den Ruhestand. Zwanzig Jahre war er Solocellist unter Karajan und Abbado, dann hat er den Jüngeren am ersten Pult das Feld überlassen – um weiter zu lernen: Gambe und die historische Aufführungspraxis. Und so hat er sich und sein Publikum zum Abschied noch einmal herausgefordert, in jener kultivierten Mischung aus Heiterkeit und Ernst, die den Menschen und Musiker Teutsch auszeichnet.

Bachs sechs Solosuiten, umrahmt von Barocklyrik: eine weite, wundersame Reise von den flüchtigen Freuden der irdischen Tage hin zur Ewigkeit und der Ruhe in Gott. Für Teutsch bergen die Suiten den ganzen Kosmos des Lebens: Geburt, Aufbegehren, Tanz, Tod und schließlich Auferstehung. Ein dorniger Pfad, auf den Gerd Wameling scharfzüngig rezitierend bald Rosenblätter, bald Disteln wirft: Das Leben „eine Rennebahn“, auf der der Mensch „jetzt Blume, morgen Kot“ ist. Teutschs Bach geht seinen steinigen Weg mit festem Kontakt zur Erde, er blendet nicht, sucht nicht zu gefallen als galanter Tänzer auf glattem Parkett. Herb und herrlich entfaltet sich seine Kraft. Kein billiger Trost in schöner Musik, sondern die Aufforderung weiter zu gehen. Wie Götz Teutsch, der auch als philharmonischer Pensionär weiter seinen Salon öffnen wird.

* * *

KLASSIK

Kanonenkugeln und

erstarrte Masken

Auf harmonisch gegliederten Säulen ruht ein Fries mit hübsch geschichteten Kanonenkugeln, unter freundlichen Hoffenstern hängen erstarrte Masken sterbender Krieger. Eine paradoxe, dissonante Schönheit ist es, die der Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums ausstrahlt. Für den aufmerksamen Betrachter spannt sie jäh einen Bogen in die Moderne. Schon darum war es eine gute Idee des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin , die bevorzugte Spielstätte des Konzerthauses zu verlassen. Für ein Himmelfahrtsfestival vertauschte man den nostalgischen Pomp des Musentempels am Gendarmenmarkt mit dem Schlüterhof.

Einen intensiven Dialog liefern sich der historische Raum und das moderne Klassikensemble beim Abschlusskonzert: In Witold Lutoslawskis Doppelkonzert für Oboe und Harfe füllt ein voll und warm und rein intonierendes Kammerorchester den Hof mit saftig-herben Pizzicati und engagiertem Schlagzeugeinsatz. Die Solisten Marie-Pierre Langlamet und besonders der Oboist Albrecht Mayer gestalten ihre atonalen Parts derweil mit einer schmerzlichen Lust an dissonanter Schönheit, die mit Schlüters Masken harmoniert. Etwas weniger günstig als die duchsichtigen Strukturen Lutoslawskis vermählen sich die Sinfonien Haydns mit dem Hof. Dies liegt zum einen an einer Akustik, die trotz überdachter Bühne und etwas nüchterner Stellwände noch etwas zu sehr hallt. Doch auch in der ursprünglich als Theatermusik konzipierten Sinfonie Nr. 60 hätte Marek Janowskis Dirigat, statt sich auf klassische Ausgewogenheit zu konzentrieren, stärker von der barocken Dramatik der Kriegermasken inspiriert sein dürfen. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben