Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Stollowsky

COMEDY

Modell, Melancholikerin

und Mann

Renee umgarnt, kokettiert, ist mal Charming-Girl, mal Luder, selbstverliebtes Model, Melancholikerin – und in Wirklichkeit ein Mann. Doch Andreas Swoboda gelingt die perfekte Frauenillusion in seiner neuen Show Soiree mit Renee . Der 30-jährige Berliner Sopran und Musicaldarsteller spielt ein Mannequin, das sich partout in den Kopf gesetzt hat, ein Popstar wie Tina Turner zu werden. Aber bei ihren Proben fürs Casting singt und plaudert sie am liebsten über ihre Affären und Sex, über harte und weiche Kerle, ihre katastrophalen Kochkünste oder den Job, nuckelt zwischendurch aufgeregt an der Wasserflasche und schafft es sogar noch, mit ihrem Pianisten Christoph Wagner zu techtelmechteln.

Das ist weit mehr als Travestie, wie man sie kennt. Bei der Premiere im Comedy-Club Kookaburra in Mitte wurde die Persiflage auf den Starkult heftig beklatscht. Swoboda jongliert gekonnt mit den Versatzstücken von Kabarett, Musical und Operette, besitzt schauspielerisches Talent, vor allem aber hat er eine beeindruckend variable Stimme. Mal singt er tief mit Frauenaltstimme, dann plötzlich hoch wie eine klassische Sopranistin bis zum dreigestrichenen „c“. Seine Arie auf die Gleichgeschlechtlichkeit heißt „Schwule lieben alles, was uns Frauen geknebelt hat.“ Swoboda kokettiert, schmettert die Nummer „Ich bin so unmusikalisch“, obwohl das Gegenteil stimmt. Zu guter Letzt schafft Andreas, pardon, Renee Tina Turners „Goldeneye“, als stünde die Soul-Göttin selbst auf der Bühne (am 2. Juni in der Kleinen Nachtrevue, Kurfürstenstr. 116, Schöneberg, 21 Uhr).

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KUNST

Sinnbilder des

Sinnlichen

Das Bild zeigt einen monumentalen Mund: Zwei Lippen, leicht geöffnet, darüber Barthaare. „Mund I“ ist eines der bekanntesten Werke des 1926 geborenen ungarischen Malers László Lakner . Das Collegium Hungaricum zeigt in ihrer kleinen, konzentrierten Ausstellung „Laszlo Lakner real. Bilder aus deutschen und ungarischen Sammlungen 1956-2006“, eine Auswahl seiner in Budapest und seit 1974 in Berlin entstandenen Arbeiten (Karl-Liebknecht-Str. 9, bis 18. 6., Mo-Fr 9-20 Uhr, Sa-So 15-20 Uhr ). Das Hauptaugenmerk liegt auf der frühen realistischen Phase des Malers. Parallel dazu beleuchtet die Galerie Nothelfer mit ihrer Werkschau „László Lakner zum 70. Geburtstag – Schrift und Bild“ seine frühe Berliner Werkphase (Corneliusstr. 3, bis 30. Juni, Di–Fr 14.30–18.30, Sa 10-14 Uhr).

Lakners Malereien tragen vordergründig realistisches Gepräge: ein Mund oder eine Rose, wie sie auf dem schwarzen, zwei Meter großen Ölgemälde „Zick-Zack-Rose“ zu sehen ist. Doch dieser Realismus ist vordergründig und oft nur eine Tür zu Ebenen, die uneindeutiger und dadurch verunsichernder sind. Die geöffneten Lippen sind bräunlich, sie erinnern an von sengender Hitze verdorrten Lehmboden, sie sind aufgerissen und zerfurcht. Zwischen ihnen liegt ein schwarzer Raum wie ein See, der den Betrachter in die Tiefe saugt. Eindeutiges wird fremd und verschiebt sich wie ein 3D-Bild, je länger man die Bilder Lakners betrachtet. Ihre sinnbildliche und sinnliche Bedeutung gewinnt stärker Kontur und erschließt sich. Der Mund wie auch die Rosenblätter werden zur Metapher für das Weibliche Britta Richter

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POESIEFESTIVAL

Kunst kommt

von Kleben

„Es bedarf jetzt etwas Geduld Ihrerseits“, verkündet Stephan Lohse dem Publikum im Kesselhaus der Kulturbrauerei , „denn ich bastle.“ Er klebt eine Schnur längs in die Mitte eines Papiers, als Trennlinie. „Ein Gedicht ist nämlich etwas von drüben“, erklärt er dazu. Klebstoff tropft in dicken Klecksen auf sein Rednerpult. So plastisch zeigt sich das „Drüben“ selten. In den Gedichten Friederike Mayröckers klingt es durch, weil sie wie jede herausragende Lyrikerin eine Meisterin der verkürzten Linienführung ist, der Reduktion, des Aussparens. Jeder Lyrik-Liebhaber weiß: Das Entscheidende geschieht hinter den Wörtern.

Viele wissen hingegen nicht, dass Mayröcker auch auf Papier zeichnet. Zum Poesiefestival inszenierte Philipp Possmann unter dem Titel Gestörtes Frühstück – Eine Mayröcker-Bebilderung eine Mischung aus Theater und Videocollage, die Texte und Bilder der Dichterin verbindet. Österreichs Umriss als Fisch, ein Selbstporträt als Katze – auch die Zeichnungen leben von der Aussparung und zeugen vom kindlichen Blick der Dichterin auf die Welt: Immer neu staunend, doch ungeniert beschreibend.

Manches Video ist überflüssige Hinzufügung zu den Texten, die teils von der Dichterin selbst eingesprochen sind. Man muss sie nicht fünfmal in Zeitlupe durch ihr Treppenhaus schreiten sehen. Bewegend ist dagegen die Interpretation eines Gedichts in Taubstummensprache.

Die größte Aussparung begeht Mayröcker an diesem Abend an sich selbst: Sie hätte gerne neue Gedichte vorgelesen. Krank geworden, konnte sie aber nicht nach Berlin kommen. Sieben Dichter und Dichterinnen, darunter Elke Erb und Bodo Hell, springen ein und lesen aus dem Gesamtwerk der großen Lyrikdame. Hell hat ihren kürzesten Text ausgewählt: einen Vierzeiler. Kolja Reichert

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