Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Über sieben Brücken

musst du geh’n

Ein letztes Mal lädt die Galerie Aedes East an den Hackeschen Markt ein, ehe sie Anfang Juni ihre neuen Räume am Pfefferberg eröffnen wird. Für die Abschiedsvorstellung hat sie sich mit Volkwin Marg einen der großen Namen der deutschen Architektur gesichert. Mit seinem gemeinsam mit Meinhard von Gerkan gegründeten Hamburger Architekturbüro gmp ist er seit bald vierzig Jahren in Berlin allgegenwärtig. Angefangen beim Frühwerk Flughafen Tegel über das neue Ku’DammEck und den Umbau des Olympiastadions bis hin zum neuen Lehrter Bahnhof, der als Hauptbahnhof künftig Berlins Schienenkreuz bildet. Die aktuelle Ausstellung beschränkt sich unter dem Titel Konstruktion und Deutung auf aktuelle Entwürfe von Marg für Messen, Stadien und Brücken, genauer gesagt: auf deren Konstruktion (bis 18. Juni, Katalog 10 € ).

Es sind technisch inspirierte Bauten, deren Stahl-Glas-Konstruktionen ohne ambitionierte Ingenieurskunst undenkbar wären. Bei seinen Arbeiten lässt sich Marg nicht nur von Vorbildern aus der Baugeschichte inspirieren, die er in eine geometrische Formensprache überführt, sondern auch von Naturformen. So lag dem expressiven Entwurf für das Olympiastadion in Peking mit seinem bekrönenden Strahlenkranz die Idee einer Lotusblüte zugrunde. Zu seinen einprägsamsten Architekturbildern gehört die 1996 fertig gestellte Messe Leipzig. Ihr gläsernes Gewölbe stieg auf zum Briefmarkenmotiv .

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THEATER

Hamlet darf

rauchen

Die Brasilianer haben jetzt auch das HAU besetzt. Und lassen es beneidenswert locker angehen. Immerhin wird an diesem Abend eine Hamlet-Vorstellung gegeben. Doch die Schauspieler begrüßen erstmal einige der ins Theater strömenden Zuschauer mit Küsschen auf die Wange, halten ein kleines Schwätzchen. Die Brasilianer sind zu Gast bei Freunden – das ist der vorherrschende Eindruck bei der Copa da Cultura , einer Kulturoffensive, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Die brasilianischen Theaterszene stellt sich nun im Hebbel am Ufer mit einem kleinen Festival vor: Brasil em Cena präsentiert bis zum 7. Juni zehn Theaterproduktionen und Performances. Erlon Pasqual vom brasilianischen Kulturministerium kündigte die Eröffnungspremiere Einsaio.Hamlet mit den Worten an: Shakespeare verspeist. Die Brasilianer – das haben wir mittlerweile gelernt – begreifen sich als kulturelle Kannibalen, die sich beherzt fremde Einflüsse einverleiben, um sie zu tranformieren. Hier haben sie gleich ein Hauptgericht des europäischen Dramas verputzt, das Meisterwerk eines Autors, den man getrost auch als Kannibalen bezeichnen darf.

Doch nicht den ganzen „Hamlet“ spielen Dos Atores , sie zeigen nur „Hamlet.Probe“. Das ist kein Eingeständnis des eigenen Unvermögens. Wenn die Gruppe aus Rio de Janeiro die eigene Distanz zum Text mitspielt, dann ist sie darin zugleich respektlos und voller Ehrfurcht. Die unbefangene Vermischung von Populärem und Elitärem ist ein Kennzeichen des brasilianischen Theaters. Schwarze Kisten mit der Aufschrift „Dos Atores“ stehen auf der Bühne herum, die Schauspieler gleichen jener herumziehenden Wandertruppe aus dem Schauspiel selbst. Als Gegengift gegen die Grübeleien und erschöpfenden Reflexionen Hamlets wirkt hier eine wilde Spiel- und Verwandlungslust. Wer ist Hamlet? Die Frage hält Zuschauer und Darsteller auf Trab. Zwar senkt immer mal wieder ein Schauspieler in altmodischem schwarzen Anzug die Nase in ein vergilbtes Buch oder sitzt sinnierend auf einem Stühlchen aus dem Antiquitätenladen. Doch mehrere Darsteller versuchen sich an der Rolle, und auch die berühmten Sätze aus Hamlets Monolog werden wie zur Probe aufgesagt.

Eine konsistente Interpretation will die Performance nicht liefern. Das Emotionale gehen die Darsteller frontal an, ihr Spiel ist durch eine starke Körperlichkeit geprägt. Hamlet und Ophelia ist eine heftige Knutschszene vergönnt, Rosenkranz und Güldenstern treten als Nacktballett auf. Manchmal wissen die Darsteller nicht weiter – sie tun zumindest so. Dann werden die Zuschauer befragt. Enrique Diaz, ein traurig dreinblickender Clown, hat das Drama entschärft, sein Hamlet fuchtelt nur mit einer roten Spielzeugpistole rum. Doch dem Regisseur gelingt es, auch schöne Momente der Komik zu entlocken – was zu Shakespeare passt. Am Ende singt Gertrud „Cry me a river“, Ophelia steht wie ein begossener Pudel da, und Hamlet zündet sich eine letzte Zigarette an. (Noch einmal heute im HAU 1, 20 Uhr) Sandra Luzina

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