Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Brahms kann

sehr rau sein

Eine Erregung: So stellt sich die vierte Symphonie von Brahms in der Interpretation Simon Rattles mit den glühend motivierten Berliner Philharmonikern dar. Keine edle Nachsommerstimmung, wie sie dem Werk angedichtet worden ist. Die Musik scheint, zumal in den Steigerungen gegen Ende der beiden Ecksätze, vor Dramatik zerspringen zu wollen. Wer eher das Erbe der deutschen Romantik sucht, ist vielleicht bei Bernard Haitink besser aufgehoben, dem das Orchester gerade vor einer Woche den pflanzenhaft weichen Klang bescherte, den der holländische Dirigent in der Sechsten Bruckners favorisiert. Dem steht Rattles Brahms gegenüber, welcher in der Formensprache der Tradition den Trieb zu immer Neuem betont. Der hat einst dazu geführt, dass der Komponist selbst Bedenken hegte, die Herbheiten der Symphonie könnten das Verständnis des Publikums überfordern.

Was den Zustand der Berliner Philharmoniker angeht, so reagiert jetzt auch Alfred Brendel in einem Leserbrief an den „Guardian“ auf die Kampagne, die ein Journalist gegen Rattle und das Orchester entfacht hat. Der Pianist drückt seine „Überraschung und Betroffenheit“ aus und weist darauf hin, dass Rattle das Repertoire der Philharmoniker neuen Bereichen der Moderne und des 18. Jahrhunderts geöffnet habe. Zusätzlich seien ihm als Hörer „herrliche Aufführungen“ der Symphonik von Brahms, Schubert und Mahler in Erinnerung. Eine Zusammenarbeit wie die mit Rattle könnten sich die meisten Solisten nur erträumen.

Dieses Konzert in der Philharmonie mit 100-prozentiger Platzauslastung sieht nicht nach Krise aus. Die Irritation, die Rattles Klassikinterpretationen früher einmal schon auslösen konnten, kommt hier nirgends auf. Die Rauheit des Klanges, das Gehämmerte im Sinn der Partitur dominiert. Der Gesang der Celli weitet sich zu einer Raummusik der Streicher aus, weil Rattle Spaltklang mit scharf geschnittenen Details entfaltet. Er ist, zeitgemäß, kein Integrationsmusiker. Daher konnten sich die Philharmoniker jüngst mit seinem „Pelléas“ als hochkarätiges Debussy-Orchester präsentieren.

Ein Wunder des klassizistischen Strawinsky geht an diesem Abend mit der Musik zu dem Balanchine-Ballett „Orpheus“ voraus. Herausforderung der Instrumentalsoli. In der Mitte die Rarität eines Flötenkonzerts von Carl Nielsen. Emmanuel Pahud überbietet leuchtend die Möglichkeiten, die der Emanzipation des Instruments im 20. Jahrhundert zu danken sind. Was für ein Orchester, das solche Solisten hat!

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KUNST

Arkadien muss

sehr schön sein

Vor hundert Jahren gehörte er zu den erfolgreichsten Malern Berlins. Ludwig von Hofmann , Jahrgang 1861, starb 1945 in Pillnitz bei Dresden. Aus der Kunstszene verabschiedet hatte sich der Jahrhundertwende-Avantgardist schon vorher. Das Berliner Kupferstichkabinett und die Nationalgalerie stellen den Zeitgenossen von Liebermann, Slevogt und Corinth nun mit einer kleinen Auswahl seiner Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen vor (Alte Nationalgalerie, bis 27. Juli). Geboten wird unbekannter Stoff: Die letzte Berliner Ausstellung des Künstlers liegt 44 Jahre zurück. Hofmann, der in Paris studiert hat, stieß in Berlin zur skandalträchtigen Gruppe der „Elf“, war Mitbegründer der Berliner Secession und Mitherausgeber von „Pan“, der exklusivsten Kunstzeitschrift des Fin de siècle. Seine künstlerischen Anfänge um 1890 widmet er gut naturalistisch dem Ambiente der kleinen Leute vom Lande. Zehn Jahre später bevölkern badende Jünglinge und leicht bekleidete Mädchen die arkadische Natur seiner Bildwelt. Den jungen Rilke inspirierte Hofmanns Symbolismus zu Gedichten. 1903 stieg der Maler zum Professor in Weimar und damit in den intellektuellen Olymp um Henry van de Velde und Harry Graf Kessler auf. Die Idee des „Neuen Weimar“ starb spätestens 1914. Seinem hohen Ton blieb Hofmann, der danach bis 1931 in Dresden lehrte, bemerkenswert treu: ein Nietzscheaner des Pinsels. Michael Zajonz

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