Kultur : KURZ & KRITISCH

Kaspar Renner

AUSSTELLUNG

Silberteller

voll Gedärm

Heute ist man entweder bei einer gesetzlichen oder einer privaten Krankenkasse. Der antike Mensch aber war, viel stilvoller, bei den Göttern versichert: Asklepios und Aphrodite statt AOK und DKV. In der obersten Versicherungsbehörde der griechischen Welt, dem Olymp, war neben Gesundheit und Fruchtbarkeit auch das Ressort Arbeit vertreten. Seine Beiträge zahlte der vorsorgefreudige Grieche regelmäßig im Opfer, aus besonderem Anlass kamen Weihegaben hinzu. Dieser gesellschaftlichen Praxis widmet sich jetzt die Ausstellung Die Götter beschenken in der Antikensammlung (Pergamonmuseum, bis 5. 11., Di–So 10–18 Uhr). Wer gab, wollte, dass gegeben wird. Und die prächtigsten Weihegaben, tönerne Granatäpfel oder bronzene Jungstiere, sollten das Sozialprestige ihrer Stifter steigern. Wenn die Götter dann selbst dargestellt wurden, realisierte man höchst irdische Träume: Wer wäre nicht gerne wie der bocksfüßige Satyr ewig auf karminroten Kissen gebettet, um nichts zu tun als Wein zu schlürfen? Grotesk wirken die „Gliederweihungen“, jene bis ins kleinste Äderchen skulpturierten Phalloi, Vulven und Silberteller voll Gedärm, die dem Gott der Heilkunst Asklepios galten. Was geheilt werden soll, wird abgebildet. Bilder aber sind, nicht erst seit dem „iconic turn“, Vorgriff auf Erkenntnis. So steht der antike Künstler, der Weihegaben schafft, dem modernen Arzt, der sich aus Beiträgen finanziert, näher, als es scheint: Schon der Mythos ist Aufklärung.

AUSSTELLUNG

Die Meriten

unserer Besten

Vor dem Alten Museum lobt sich Deutschland selbst. Stellvertretend für das „Land der Ideen“ steht dort eine Nachbildung von Einsteins Formel zur Relativitätstheorie – obwohl sich der emigrierte Nobelpreisträger nach 1945 nicht einmal dazu durchringen konnte, seine Mitgliedschaft im ganz und gar unnazistischen Orden Pour le mérite zu erneuern. Seit 1842 wird das Ehrenzeichen, das Friedrich der Große 1740 für militärische Verdienste begründet hat, in einer Friedensklasse an in- und ausländische Künstler und Wissenschaftler verliehen. 1843 stiftete Preußens König Friedrich Wilhelm IV. auch eine Porträtgalerie der feinsinnigen Ordensritter. Die Konterfeis Johann Gottfried Schadows oder Christian Daniel Rauchs hängen seit einigen Wochen wieder an ihrem angestammten Platz im Potsdamer Marmorpalais. Weitere Bildnisse der Serie, so des ersten Ordenskanzlers Alexander von Humboldt, vereint nun die Ausstellung Pour le mérite – Vom königlichen Gelehrtenkabinett zur nationalen Bildnissammlung (bis 10. September, Katalog 19,90 €) in der Alten Nationalgalerie . Der Historiker Leopold von Ranke, der Ägyptologe Richard Lepsius, der Physiker Hermann von Helmholtz – sie alle stehen für ein besseres, bürgerliches, ziviles Deutschland. Eine Verpflichtung, die der Pour le mérite – gerade wurde Wim Wenders aufgenommen – bis heute zu bewahren sucht. Michael Zajonz

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