Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

AUSSTELLUNG

Paläste im

Mondenschein

Hereinspaziert ins Paradies! Das Museum für Indische Kunst prunkt mit indo-islamischer Gartenkultur, breitet gemalte Flora und geschnitzte Fauna aus, vom Mohnblumenteppich bis zum Jagdutensil mit Elfenbeinverzierung. Auf den Spuren der naturverliebten Moghul-Herrscher (1526 bis 1858) darf sich der Betrachter in Ansichten gezähmter Natur verlieren, Vogelgezwitscher via Lautsprecher inklusive. Lustgärten und Gartengräber bilden den thematischen Rahmen der mit 170 Exponaten prächtig bestückten Schau (bis 28. 1., Di–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr). Zum Pflichtprogramm jeder Indienreise gehört der Taj Mahal. Mit Detailansichten der Tempelanlage huldigt das Museum diesem Gartengrabmal nach persischem Vorbild, das Kaiser Shah Jahan im 17. Jahrhundert für seine früh verstorbene Lieblingsgattin in den Himmel wachsen ließ. Irdische Freuden verheißen liebevoll gemalte Miniaturen aus Moghul-Gärten in Kaschmir, Lahore oder Delhi : Da wird Liebe im Mondenschein praktiziert, werden Kinder geboren, bespritzen sich zum hinduistischen Holi-Fest Dienerinnen ausgelassen mit orangeroter Farbe. Dass ihre hohen Herren mit Machtfülle und Waffengewalt ein riesiges Reich zusammenhielten, sieht man ihnen kaum an. Am liebsten ließen sich die Moghuln nämlich so darstellen: verzückt an einer Blume schnuppernd.

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POP

Kaum mit Swing

und nicht gesungen

Immer wieder hörte man einen dieser Songs im Radio. Eine Band, die alte Gassenhauer von The Clash, XTC oder Undertones zu luftig neuer Barmusik umgejazzelt hatte. Wer war das? Nouvelle Vague . Eigentlich gar keine Band, sondern ein Projekt: New-Wave und Punk-Songs zu hellichten Bossa Novas umzudeuten, war die Idee der französischen Produzenten Marc Collin und Olivier Libaux, die sie nun mit wechselnden Sängerinnen zu einem freundlichen Debütalbum verarbeiteten. Bevor die neue Platte „Bande à part“ in die Läden kommt, spielt die Band, die keine ist, in der Passionskirche . Musiker, die nicht glücklich miteinander wirken. Sind sie konzentriert? Entnervt von den verholperten Ein- und Ausstiegen? Inspiriert klingt es nicht. Die beiden Sängerinnen, eine Göre, eine Röhre, lavieren wackelige Stimmchen haarscharf an Tönen vorbei und ätherische Körper in seltsam ungelenker Choreographie über die Bühne. „This is not a love Song“: fuzzelig-fizzelig. „Making plans for Nigel“: verschludert-verschlampert. Ist das ernst gemeint oder ironisch? Gelächter, als in zerschrägter Interpretation Billy Idols „Dancing With Myself“ erkannt wird, als Swing, der nicht swingt. Eine weitere Haucherin singt „Eisbär“ von Grauzone. Das ist nett. Und bei „Teenage Kicks“ hat der Gitarrist sogar ein bisschen Spaß. Durchgehend Spaß hat das wohlwollende Publikum. H.P. Daniels

AUSSTELLUNG

Er steht auf

des Berges Spitze

In den sechziger Jahren spiegelten sich Fortschrittsglaube und Wille zur Modernität nicht zuletzt in der Architektur wider, so auch bei dem von 1963 bis 1973 verwirklichten Fernsehturm, der wie eine Raketenabschussrampe auf der Spitze des Ješted nahe dem nordböhmischen Liberec (Reichenberg) steht. Zusammen mit weiteren Arbeiten des 1924 in Prag geborenen Architekten Karel Hubácek wird das preisgekrönte Bauwerk derzeit im Tschechischen Zentrum vorgestellt (bis 16.6.). Wie ein Kegel markiert der Fernsehturm weithin sichtbar den Gipfel des gut tausend Meter hohen Ješted, als Wahrzeichen für die ganze Region dienend. In den Sockelgeschossen der Beton- und Stahlkonstruktion haben ein Restaurant und ein Hotel Platz gefunden. Derzeit wird sogar über die Aufnahme des Bauwerks in das Welterbe der Unesco diskutiert. Seit den sechziger Jahren ließ Hubácek, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Prag Architektur studiert hat, immer wieder High-Tech- Elemente in seine Entwürfe einfließen. So auch bei seinem Turm für eine meteorologische Station, der an die Projekte der Konstruktivisten erinnert, oder bei seinem Kulturhaus für Teplice (1977/86), das einen Konzert- und Veranstaltungssaal beherbergt und als Hubá-

ceks zweites großes Werk gilt. Jürgen Tietz

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REGGAE

Die geschenkten

Schuh’ der Mutter

Wenn Gilberto Gil am 12. Juni ein Zusatzkonzert gibt (Haus der Kulturen der Welt), wird auch Anderson Sá auf der Bühne stehen. Der 27-Jährige ist Sänger der Band AfroReggae – und Stimme der Favela. Denn der Musiker ist einer der führenden Köpfe der Organisation „AfroReggae“, die sich mit soziokulturellen Projekten in den Favelas von Rio einen Namen gemacht hat. Bekannt wurde Sá durch den Film „Favela Rising“. Im HAU berichtet er zum Abschluss von „Brasil em Cena“ von seinem Leben im Armenviertel Vigario Geral und der Wandlung vom kleinen Dealer zum politischen Aktivisten und Künstler. Eine außergewöhnliche Vita: Sá erzählt von dem Massaker 1993, bei dem 21 Unschuldige von der Polizei erschossen wurden, darunter sein Onkel. Von der Wut der Favela-Bewohner. Doch seine Geschichte handelt auch von Mut und Hoffnung. Als 14-Jähriger dealte auch er. Dass ihm der Absprung gelang, hat er auch seiner Mutter zu verdanken. Die kaufte ihm die begehrten Nike-Schuhe. Nur die Dealer konnten sie sich leisten. Sá erkannte, dass es Alternativen gibt zur Kriminalität. Die Politisierung von AfroReggae hat er mit vorangetrieben. Heute bietet die Initiative sogar Workshops für Polizisten an. Und Sá hat einen neuen Sound kreiert. Beim Konzert der Stones in Rio war AfroReggae dabei, nun wird Sá in Berlin für positive vibrations sorgen. Sandra Luzina

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