Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

MUSIKTHEATER

Wo der Humor

hängt

Wenn Fans nicht grölen müssten, sondern singen könnten, und zwar so wie der Chor der Komischen Oper , ja, das wäre schön. Ein Bollwerk aus Klangstahl würde sich erheben, gegen das kein Gegner ankäme, niemals. Die „unheimliche Fähigkeit Günter Netzers, sich aus der Tiefe des Raumes gen Tor zu bewegen“, so der Komponist Moritz Eggert, gab den Anstoß für den Titel seines Fußballoratoriums Die Tiefe des Raumes , offizieller Kulturbeitrag zur WM.

Da laufen sie schon ein zu den Pfiffen und Schreien der Fan-Choristen: André de Ridder, der das Hausorchester sachlich durchs Spiel führt. Claudia Barainsky als Tugend, die Trappatonis Diatribe in gleißende Sopranhöhen hebt, Ursula Hesse von den Steinen als Laster. Der Tenor Corby Welch in Frack und kurzen Hosen – der als Kind seine Geige zertrümmert und lieber Fußballschuhe angezogen haben will. Michael Nagy als baritonaler Journalist tritt auf, Peter Lohmeyer, der Welt- und Fußballwissen offeriert, und Ex-Profi Lars Leese als Trainer, der zeigt, wie herrlich Schreien klingen kann. Rechts am Tisch der Sportreporter Werner Hansch. Dazu Musik, und viel davon. Sie tönt nach „laut“, nach Eggert, Brahms und Wagner, dem Lalala der Fangesänge und dann und wann nach Bach. Schlau segelt das Libretto von Michael Klaus durch den Fußballkosmos. Spiel und Schuld. Meniskusriss und vernachlässigte Frauen. Holder Blödsinn und Philosophie: „Nichts ist scheißer als der zweite Platz.“ Und wenn das Ganze nur kürzer wäre oder seine Bahn durch „2x45 Minuten mit Verlängerung“ minimal angeschnitten durchflöge oder sich mehr Ruhe gönnte: Ja. Dann wäre dieses ausgeklügelte Werktalent ein Allrounder, der der Neuen Musik mal so richtig zeigt, wo der Humor hängt (wieder am 9. Juli, 12 und 16 Uhr).

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KLASSIK

Wo Federn

schnellen

In so atemberaubender Vitalität hat man Beethovens erste Sinfonie wohl lange nicht mehr gehört: Ein echter Ohrenöffner, den Markus Poschner und das Deutsche Kammerorchester Berlin da im Kammermusiksaal präsentieren. Wenn Poschner das schlank besetzte Ensemble mit sparsamen, aber ungemein vielfältigen Gesten vorantreibt, meint man fast, Frans Brüggen zu hören. Da schnellen Crescendi herauf wie Metallfedern, Akzente beißen kräftig zu, weich und flaumig hingegen blühen die Holzbläserakkorde. Der Blick aufs Ganze geht Poschner dabei nie verloren, verspielte Eitelkeiten sind ihm fremd.

Es mag allerdings sein, dass das der Sinfonie vorangestellte Violinkonzert des Letten Peteris Vasks Spieler wie Hörer besonders empfänglich für eine derart energetische und kontrastreiche Spielweise gemacht hat. Denn das 1996 komponierte Stück schwelgt doch ziemlich langatmig in dunklen, romantisierenden Moll-Klängen. Zwar bieten insbesondere die ausgedehnten Solokadenzen der Solistin des Abends, Baiba Skride , reichlich Gelegenheit, ihre Klasse in kraftzehrenden Doppelgriffpassagen zu beweisen. Auch die sparsam eingeflochtenen Walzerfragmente lassen aufhorchen. Doch fehlt Vasks, der die Vorliebe fürs Schwelgerische mit Arvo Pärt teilt, letztlich dessen Radikalität und Strenge. Umso beglückender das Finale. Ulrich Pollmann

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KLASSIK

Wo das Cello

sich mausert

Die Noten, die an diesem Abend auf den Pulten der Akademie für Alte Musik lagen, verströmten gewissermaßen noch die Aura frischer Tinte. Gespielt wurde überwiegend aus Handschriften – Musik, die wohl seit mehr als 250 Jahren nicht mehr erklungen ist. Überwintert haben die vier Stücke, die jetzt als „Erstaufführungen“ annonciert waren, in einer der großen Musikaliensammlungen des Barock. 500 Handschriften umfasst die Sammlung, die Rudolf Franz Erwein – einer der vielen bis heute kunstsinnigen Grafen von Schönborn – in den Jahrzehnten nach 1700 anlegte. Und da der Graf selbst Cello spielte, enthält seine Bibliothek eine große Zahl von Solowerken für dieses Instrument – darunter allein 28 Konzerte von Giovanni Benedetto Platti.

Zwei dieser Cellokonzerte machten im Kleinen Saal des Konzerthauses auf spannende Weise deutlich, wie experimentell der Weg war, auf dem sich das Continuoinstrument zum großen Solistenauftritt einer neuen Epoche hervorwagte. Geistvoll und souverän die Interpretation von Sebastian Hess. Plattis Oboenkonzert, das Xenia Löffler mit kecken Phrasierungen und wandlungsfähigem Ton belebte, wirkte dagegen ein wenig schematisiert. Die Entdeckung des Abends jedoch war ein Stück, das der MGG-Enzyklopädie zufolge eigentlich gar nicht existieren dürfte: Eine Suite von Georg Reutter dem Älteren, deren Delikatesse die Akademie für Alte Musik in betörender Phrasierungskultur auszukosten verstand. Martin Wilkening

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