Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Mit dem Rücken

zum Spielfeld

Das Kofferradio ans Ohr gepresst, die Philharmonie-Karte in der Hand, so eilten sie hin, die Fußball- und Klassikfans: taumelnd zwischen der WM-Eröffnung und dem letzten Abokonzert der Philharmoniker . Kritik an den strahlend optimistischen Trainern gab es hier wie dort: Klinsmann und Rattle würden einen neuen, weniger autokratischen Ton pflegen und dabei die althergebrachte Spielweise gefährden. Kann man etwas besseres über einen Chef sagen? Am Pult der Berliner Philharmoniker stand mit Sakari Oramo , Rattles Nachfolger in Birmingham, ebenfalls ein moderner Dirigent jenseits aller Allüren. Oramo strahlt eine natürliche musikalische Autorität aus, er phrasiert so organisch, als schöpfe er seinen Atem aus einem Meer von Musik. Dass sein neuerlicher Berlin-Besuch weniger packend ausfiel, liegt vor allem an einer unglücklichen Solisten- und Programmwahl. So folgt Radu Lupu dem dramatischen Zugriff auf Beethovens 3. Klavierkonzert nur sporadisch. Der Rumäne stürzt den zweiten Satz in erschütternde Einsamkeit, agiert ansonsten eher mit dem Rücken zum Spielfeld. Wie ungünstig Programmmusik altern kann, zeigt Rimski-Korsakows „Scheherazade“. Meist nur noch als Ballettuntermalung gespielt, wirkt ihr exotisches Dekor verblichen und öd. Oramo zieht Tempo und Dynamik an, um die Gewässer von „Tausendundeinernacht“ zügig zu durchfahren. Die Philharmoniker bleiben allein zurück – und spielen „Scheherazade“ demnächst bei ihrem Waldbühnen-Konzert (noch einmal heute, 20 Uhr) .

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KLASSIK

Das Schöne und

das Schreckliche

Wer sich die Freude am jüngsten Konzert des RIAS-Kammerchor s verderben wollte, hatte es nicht schwer: Es genügte, im Programmheft die Geburtsdaten der Komponisten nachzuschlagen. Weder Otto Olsson (*1879) noch Einojuhani Rautavaara (*1928), Sven-David Sandström (*1942) oder Bo Holten (*1948) stehen im Verdacht, der Avantgarde anzugehören. Ihre Werke durchweht, so war zu befürchten, retrospektiver Muff. Doch der Klang dieses Ensembles wirkt überirdisch rein und sein Ausdruck unter dem alle dynamischen Nuancen ausreizenden Dirigat von Peter Dijkstra (*1978) klar und kraftvoll. Im Kammermusiksaal schwächelte man kurz bei Sandströms „Lobet den Herrn“, ein Werk, das trotz Anflügen von dekonstruierendem Minimalismus in der biederen Welt der Laienkirchenchormotette zu Hause ist. Himmlisch makellose Neorenaissance bot der Chor in Olssons Hymnen: Vokalkunst, die einen Beweis für die These liefert, dass ein Stil erst zu sich selbst findet, wenn er von einer Retrobewegung aufgegriffen wird. Großartig auch Holtens „The Marriage of Heaven and Hell“ nach William Blake und Rautavaaras Vertonung der ersten Duineser Elegie. Im Nichts zwischen Zweifel und Glauben an die Möglichkeit wahrer Harmonie redete man Rilkes angenehmen Daktylen das Wort: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.“ Carsten Niemann

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