Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Kahle Bergwelten

steigen empor

Der Anfang von Karl Amadeus Hartmanns 8. Sinfonie wirkt, auch wenn man ihn schon einige Male gehört hat, von fast unerträglichen Spannungen erfüllt, ein Blick in die Zerklüftungen einer abgestorbenen Welt. Weit auseinander gerissen sind die Tonlagen der von kalten Intervallen geprägten Melodik, steile Gipfel ragen empor, tiefe Abgründe reißen auf, und der belebte Klang der auseinander gerissenen Klanggruppen des klassischen Orchesters wird überlagert vom metallischen Puls der Vibraphone. Kahle Bergwelten steigen in der Vorstellung empor, oder aber, die Entstehungszeit im Hinterkopf, Ruinenfelder, so stark scheint der Druck des Fragmentarischen, der hier paradoxerweise durch den riesigen Orchesterapparat erzeugt wird.

1962 beendete Hartmann diese letzte seiner Sinfonien, Erinnerung kaum vergangener und kaum verstandener Schrecken, die aufgefangen wird in einem großen Lamento und einem dionysischen, aber auch unheimlichen Aufschwung. Wohin diese Energien als letzter Nachklang Mahler’scher Sinfonietradition streben, das scheint nicht ganz klar zu sein. Und so behält das Werk etwas Offenes, auch Unbefriedigendes, ist einer eigentlichen Interpretation schwer erschließbar. Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester taten im Konzerthaus das Mögliche, um das gewaltige Potenzial dieser Partitur zu entfalten. Umso runder dann das späte Es-Dur-Klavierkonzert von Mozart, KV 482, ein ganz eigenartiges Stück mit den kleinen eingelegten Bläserserenaden und dem pointierten Aneinandervorbeireden von Solisten und Orchester im 1. Satz. Der 25-jährige Amerikaner Jonathan Bliss zeigte sich als wunderbarer Mozartspieler, der den Klavierklang perfekt mit der Farbpalette des Orchesters mischt, mit mühelos singendem Ton und Beseeltheit noch in der quirligsten Geläufigkeit.

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KLASSIK

Vom Klingen

und Rascheln

Lautes Kindergezwitscher füllt das Foyer des Konzertsaals der UdK , verzagte Trompetenstöße tönen aus den Probierecken, wo der Nachwuchs sich an den Orchesterinstrumenten versuchen darf. Im Saal wird munter auf den Sitzen umhergeklettert. Was Moderator Christian Schruff bei der Begrüßung noch nicht gelingt, schafft das Deutsche Symphonie Orchester Berlin auf einen Glockenspiel-Schlag: Das Geschrei verstummt, alles lauscht gebannt. Das letzte Kinderkonzert der Saison ist auch für Kent Nagano eines der letzten Konzerte als Chefdirigent. Es ist seit Wochen ausverkauft. Der 1966 geborene französische Komponist Jean-Pascal Beintus verwandelte in Naganos Auftrag den Kinderbuchklassiker Der kleine Prinz zu Musik. Sieben Sätze, keiner länger als drei Minuten, holen auch die kleinsten Prinzen dort ab, wo sie stehen. Harfe, Glocken und Triangel malen den Helden als zauberhaftes Zwischenwesen, einen Fuß auf der Erde, den anderen in den Sternen. Mit einer Stimme, die die Kinder akustisch in den Arm nimmt, führt Schruff durch die Geschichte und lässt hunderte Kinderhände eine Schlange nachmalen, die einen Elefanten verschluckt hat. Dann stellt er das Orchester vor und fragt den Dirigenten, was für ihn das Schönste bei diesem Konzert sei. Nagano: „Dass ich im Publikum die Zukunft sehe“. Die Zukunft darf auch noch auf die Bühne. Zwei Grundschulklassen haben selbst gebastelte Kartoninstrumente mitgebracht und bringen die Episode vom Laternenanzünder zum Klingen, besser: zum Rascheln. Eine Übung im stillen Lauschen. Hinterher an der Bushaltestelle: Ein Fan in Schwarz-Rot-Gold bläst blöde in sein Ein-Ton-Horn. Hätten seine Eltern ihn mal in solche Konzerte geschleppt. Kolja Reichert

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THEATER

Erst Geburtstag,

dann Friedhof

Romeo und Julia hat Shakespeare nicht viel Zeit gegönnt. Wie ein Blitz schlägt die Liebe ein, schnelle Heirat, stürmische Vereinigung, schmerzhafte Trennung, dramatischer Tod – ein paar Tage nur. Sehr viel länger dauert das bei Oliver Bukowski in seinem Shakespeare-Schwank „Nach dem Kuss“ auch nicht. Aber die Liebenden kommen ganz von unten, ihre Heimat ist die Kneipe, ihre Bedürfnisse richten sich auf Alkohol und Sex. Robbi, der arbeitslose Romeo, hat gerade seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert, Jule kommt aus der Ukraine und verdient sich ein bisschen Geld mit nicht nur harmlosen Dienstleistungen. Auch eine Kalaschnikow spielt mit, und am Ende trifft man sich, es hat halt Tote und Versehrte gegeben, auf dem Friedhof.

Oliver Bukowski, erfolgreicher Hausautor des Theaters 89 , macht einen Spaß aus dem Elend, und, vor allem, eine Feier der Widerständigkeit gegen sozialen Abstieg. Wie seine Figuren reden, kräftig, unverschämt, bilderreich, mit fantastischen Steigerungen eines lebensprallen Alltagsidioms brandenburgisch-preußischer Prägung, hat durchschlagende Kraft. Die Szenen um Robbi und Jule sind wie mit der Axt zusammengehauen, grob, unbedenklich, unter Verzicht auf Feinheiten. Regisseur Hans-Joachim Frank gelingt das Tempospiel mit Bravour. Er holt aus den Figuren die Vitalität heraus, die sie gleichsam aus trister Wirklichkeit wegsprengt. Sie hauen sich stürmisch um die Ohren, was Liebesleid und Lust, was Spaß am Saufen und am Raufen ausmacht. Die Bühne (Annette Braun), kahle Wände, nackter Boden, mal ein Stuhl, mal eine Matratze – ein Kampfplatz, keiner zum Leben.

Matthias Zahlbaums Robbi ist ein tumber, lieber Bär, den sein Fell so juckt, dass er dauernd an sich herumfummeln muss. Vera Seemann gibt ihrer Jule geradezu revolutionäres Feuer, zeigt ein Mädchen, das lieb und aggressiv ist bis zur Selbstaufgabe. Zu den Besonderheiten des Abends gehören in Russisch gespielte Szenen: Was Simone Frost, als Schwester der Jule, da hinlegt an wütendem Protest und überdrehter Fürsorge, ist mitreißend. Die zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zum ersten Mal gezeigte Inszenierung überzeugt auch in Berlin (15. bis 18. und 22. bis 25. Juni). Christoph Funke

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