Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Der Mond geht auf

der E-Gitarre unter

Zunächst war die Idee da, deutsche Volkslieder auf poppig zu machen und unter Strom zu setzen. Jetzt feiern Schöneweile das Erscheinen ihres Debütalbums „Vol. 1“ im Postbahnhof . Ein Dudelsack quäkt. Geige, Akkordeon, Tin Whistle. Klingt folkig, schottisch, traditionell und schön. Dann kommen die Elektriker: Gitarre, Keyboards, Bass und Schlagzeug, und rocken: „Es führt über den Main eine Brücke aus Stein. Wer darüber will gehen, muss im Tanze sich drehen“ – zu einem Arrangement, dem sie Dave Brubecks „Take Five“ untergejubelt haben. Eklektiker auf Montage. „Lauf Müller lauf“ ist fröhlich, mehrstimmig, und mit Achtziger-Jahre-Synthie- Synthetik angedickt. „Mudder Witsch“ wird mit Stevie Wonder befunkelt. „Die Gedanken sind frei“ schaukelt als Reggae, und Michael Brandt fiedelt technisch versierte Stratocaster-Bombasteleien dazu. Deutsche Volkslieder hardgerockt. Man denkt an Niedecken, Vicky Leandros, Rio Reiser, Spliff, und den Ostrock von damals. Axel Kottmann, dicker Mann mit dünnem Bass und fettem Sound, spielte einst bei „Zeitgeist“, wie auch George Kranz, der mit „Din Daa Daa“ 1984 seinen großen Trommel- Tanz-Hit hatte. Der heute wieder anklingt in einer mehrstimmigen A-cappella-Version: „Hoch auf dem gelben Wagen“. Oder wenn Kranz das schöne Matthias-Claudius-Lied „Der Mond ist aufgegangen“ auf elektronischen Kochplatten- Drums zerdeppert.

Die Mehrheit der elf Schöneweile-Musiker kommt vom Ensemble des Grips- Theaters, wo sie seit Jahren witzige Bühnenhandlungen illustrieren. Ihr Volksrockprojekt allerdings klingt immer dann am besten, wenn die Musik mehr keltisch klingt als deutsch. Wenn die Instrumente der zweiten Reihe in den Vordergrund dürfen: Krummhörner, Flöten, Mandoline, Fiddle. Und das herausragende Akkordeon von Cathrin Pfeifer. Gut möglich, dass wir Schöneweile bald in der „Hitparade der Volksmusik“ wiederfinden.

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KUNST

Da wächst

kein Moos mehr

Ein kleines Mädchen greift sehnsüchtig nach der Auslage im Schaufenster von Edouard Temler. Neben ihm steht der Schatten der Dame an der Hauswand. Er ist das einzige bewegliche Element in dem Papier-Diorama „Die Brüdergasse“. Das Kastenbild ist nicht viel größer als die Ansichtspostkarten, die ebenfalls in der Ausstellung Dioramen - 3D-Schaubilder des 19. Jahrhunderts im Museum Europäischer Kulturen zu sehen sind (Arnimallee 25, bis 16. Juli). Den Begriff Diorama führte der Foto-Pionier Jacques Daguerre für seine Bildillusionen ein, in denen künstliche Bewegungs- und Lichteffekte Realität vortäuschen sollten. Später wurde Diorama zum Sammelbegriff für dreidimensionale Bilder.

Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde im 19. Jahrhundert das Reisen zur liebsten Freizeitbeschäftigung des wohlhabenden Bürgertums. Kurorte entstanden in den Küsten- und Bergregionen Europas, Böhmen und Schlesien wurden berühmte Erholungsgebiete. Die aufkommende Erinnerungskultur, der Wunsch, das Gesehene festzuhalten, beförderte einen Wirtschaftszweig, der bis heute Blüten treibt: die Souvenirindustrie. Einheimische Handwerker bauten die Sehenswürdigkeiten der Urlaubsorte nach. Für Architektur- und Stadtansichten verwendete man Glas und Papier, in Naturdioramen wurden Baumrinde und Moos eingearbeitet. Nun konnten Italienbesucher die Tivolifälle mit nach Hause nehmen, im Reisetaschen-Format. Majestätisch wölben sich Berg und Wasserfall aus dem gemalten Firmament. Man möchte hineingreifen und die Figuren umherschieben. Lea Streisand

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KLASSIK

Das Feuer

vergoldet den Turm

In ziemlich flottem Tempo nimmt das Bläserquintett Johann Sebastian Bachs Orgelfuge g-Moll. Da fliegen die Themen nur so durch die Gegend, können Tuba und Horn lustvoll zeigen, welch solistisches Potential in ihnen steckt. Dass es nicht unangenehm laut wird, dafür sorgen die Stipendiaten der Orchesterakademie der Philharmoniker selbst. Das ist alles gut und schön, doch sagt diese Musik nichts weiter, als dass die Musiker sie auch geschwind spielen können. Der Eindruck: feuervergoldete Turmbläserei. Der Trompeter Tobias Winbeck bläst auch Vivaldis Solokonzert bewundernswert sicher und glanzvoll. Was einst für das Geigengriffbrett maßgeschneidert wurde, kann auch in der Blechversion überzeugen, vor allem, weil es mit großem Vergnügen präsentiert wird. Fast scheint er selber überrascht vom großen Erfolg im Kammermusiksaal der Philharmonie. Bei Vivaldi, in Telemanns Konzert für zwei Flöten und Bachs erster Orchestersuite können auch die Streicher imponieren. Dazu wird von den stehenden Musikern ausdrucksstark mit dem Fagott gewedelt und mit der Oboe in der Luft gerührt. Das ist auch bei den Philharmonikern gerade groß in Mode als Zeichen emotionaler Ergriffenheit. Doch nicht mit jeder Anregung ihrer Lehrmeister sind die Stipendiaten gut beraten. Mozarts Es-Dur-Serenade, im Sitzen und ganz altmodisch gespielt, legt nahe, dass der Nachwuchs dem Komponisten vertrauen sollte, um atemberaubend zu sein. Uwe Friedrich

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