Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Meisterin der

Kälberaufzucht

Elfriede Pagel, „Meisterin der Kälberaufzucht“, posiert vor einem Futtersilo. Jürgen Parches Ölporträt von 1989 blieb unvollendet – die Ära der staatlich geförderten Landwirtschaftsmalerei war mit der DDR vorbei. Ein weites Feld mal mehr, mal weniger gelungener Gemälde von 20 Künstlern präsentiert das Gutshaus der Domäne Dahlem – von der Auftragsmalerei bis zur DDR-kritischen Kunst (bis 31. 10.). Die Auseinandersetzung zweier Künstlergenerationen mit sozialistischer Landwirtschaft begann mit der Bodenreform 1945, als Großgrundbesitzer enteignet, Agrarflächen an Kleinbauern und Neusiedler verteilt wurden. Zu den frühesten Tafelbildern des Kunstarchivs Beeskow, aus dem die meisten Exponate stammen, gehört die realistische Darstellung H. Reinholds eines vormaligen Gutshofs, der 1953 zur „Maschinenausleihstation“ geworden war. Ein Jahrzehnt später wuchtet Werner Haselhuhn kernige Landarbeiter und mächtige Traktorenräder ins Bild. Bernhard Heisig, prominentester Maler der Ausstellung, stand skeptisch zu den staatlich verordneten Brigadebesuchen und fand seine Natursujets abseits von Industrie und Geräteparks. „Landschaft Warnau, Dorfweg“ (1984) besticht durch den subversiv beunruhigenden Vordergrund: Wildwuchs statt Weizenernte.

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BUCH

Genie der

Minimaleingriffe

Seit einiger Zeit besitzt das Konzerthaus Berlin einen Multifunktionssaal, der so gar nicht zum vergangenheitsseligen Ambiente des zu DDR-Zeiten wiederaufgebauten Hauses passen will. Der Werner-Otto- Saal ist mit Hubpodien und drehbaren Wandelementen ausgestattet; eine Black Box für alle Gelegenheiten. Der Saal ist typisch für den Architekten Peter Kulka . Der 1937 geborene Dresdner, der seit der Wende viel in den „neuen“ Ländern gebaut hat, verweigert jede Anbiederei. Umso größer ist seine Sensibilität in der Bestandsergänzung, wie er an der Galerie für zeitgenössische Kunst, einem Anbau an eine klassizistische Villa in Leipzig bewiesen hat, ebenso in der nüchternen Neugestaltung des Hygiene-Museums Dresden. Kulka ist ein Meister der minimalen Eingriffe. Auch in seinen Neuentwürfen versagt er sich jede überflüssige Geste. Sein westfälisches „Haus der Stille“ gilt als einer der herausragenden sakralen Neubauten der vergangenen Jahrzehnte. Nun ist Kulka ein gleichfalls kühl-zurückhaltend gestaltetes Buch gewidmet worden (Peter Kulka. Minimalismus und Sinnlichkeit, Edition Axel Menges, Stuttgart 2006, 78 €). Kulkas Œuvre ist überschaubar – zeugt aber von Sorgfalt: im Umgang mit dem Ort, dem Material, der gestellten Aufgabe. Der Berliner Saal verrät auf den ersten Blick nicht, welcher gestalterischen Anstrengung er sich verdankt – auf den zweiten dafür um so mehr. Wie alle seine Bauten. Bernhard Schulz

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ROCK

Kopf der

Fledermausschwärme

Eigentlich sollte es gewittern – dafür spielt im Bastard die Band Acid Mothers Temple & The Cosmic Inferno , eine japanische Acid-Rock-Formation, die weiß, wo Thors Hammer hängt und laut eigener Aussage Deep Purple mit den Kurzwellen von Stockhausen verbinden möchte – nicht der schlechteste Ansatz. Das Ergebnis ist ein extrem trippiges freak out-Szenario, ausgetüftelt in einer Grauzone psychedelischer Musik, als hätte man Led Zeppelin gezwungen, Free Jazz zu spielen, denn in dieser Zone ist alles erlaubt. Auch dass sie für den Titel ihres aktuellen Albums „Starless and Bible Black Sabbath“ King Crimson mit Black Sabbath kreuzen. Auch beim Konzert gibt es Passagen, die man immer ehrfürchtig bestaunt hat. Makoto Kawabata, Bandleader mit Wuschelkopf, glänzt mit exzessiven Gitarrensoli, bratzt und rückkoppelt, dass es einem die frische Füllung im Zahn zu Staub zermahlt, versteht es aber auch, den Heavysound an den richtigen Stellen aufzulockern, während gleich zwei Schlagzeuger Druck machen. Da kommt Freude auf und steigt, wenn die Musiker ihre Haare nach vorn werfen, zu hypnotischen Krautrockgrooves und einem Hagelsturm von Wah-Wah-Effekten, die von der Decke prasseln und wie Fledermäuse durch den Saal schwirren – eine Musik, die jedem verständlich sein kann, denn unter dem kosmischen Soundgewitter liegt das verlorene Coole: Prog-Rock, die Musik unserer Eltern, ein Klassiker, der viel vertragen kann. Volker Lüke

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