Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Streisand

FOTOGRAFIE

Ballspielerbeine

und Tänzerrücken

Regina Schmeken hat Männerbeine fotografiert. Nicht irgendwelche, sondern die wichtigsten deutschen Beine des Jahres: Mehmet Scholl ist dabei und Michael Ballack. Aber welche Kniestrümpfe zu wem gehören, ist selbst für Profis kaum zu erkennen. Die Ausstellung Unter Spielern im Museum für Fotografie betreibt weder Personen- noch Körperkult. Die Fotokünstlerin und Bildjournalistin Regina Schmeken hält Bewegungen fest. Wie eingefroren ist die dramatische Szene eines Angriffs: vier Beine, ein Ball, weiße Shorts. Alles im Bild ist verschwommen. Scharf ist einzig der Rasen im Vordergrund und der Fuß des Angreifers, der zum Tritt ausholt – ob gegen den Ball oder das Schienbein des anderen, ist wiederum unklar. Den Ballspielerbeinen hängen die Fotografien von Tänzerrücken gegenüber. Die vorbestimmte, rein ästhetische Eleganz der Tänzer korrespondiert mit der zufälligen, zielgerichteten der Fußballer. Anonymisiert, weil zum Schutz maskiert, sind auch die Bilder der Fechtkämpfer. „Spiel“ ist hier nichts kindlich Naives. Regina Schmeken interessiert der Kampf, das Martialische, nicht der vielgelobte demokratische Sportsgeist.

Die Fotografin hat im ehemaligen Landwehrkasino einen Fries geschaffen, der an der Stirnseite des Kaisersaals in einem Triptychon aus zwei Tänzern und einem Torwart kulminiert. Die sakrale Inszenierung der übermenschlich großen Schwarzweiß-Bilder vor dem abgebröckelten Prunk des Kaisersaals verstärkt die Erinnerung an historische Sportfotografien. Die weihevolle Halbbeleuchtung des Raumes lässt sie allerdings aufdringlicher als nötig erscheinen.

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KUNST

Unendlichkeitssehnsucht

und Desillusionierung

Manche Maler haben nur die Farbe und nichts als die Farbe im Sinn. Robert Ryman ist so ein „Materialist“ der Malkunst, ein Farbflächenanalytiker, der keine imaginären Räume mehr öffnen will. Um Transzendenz, um „Farblicht und Schatten“ geht es dagegen Johannes Geccelli . Den sanft oszillierenden Farbräumen des 80-jährigen HdK-Professors ist die Berlinische Galerie besonders verbunden und präsentiert seine Tafelmalerei mit Sogwirkung nun in einem großzügigen Kabinett (bis 20. 8., Mo-So 10-18 Uhr, Katalog 19,50 Euro). Geccellis Farbverläufe schaffen Bildräume, aus denen sich die (menschliche) Figur zwar verabschiedet, aber einen unscharfen Schimmer, eine Säule aus Energie zurückgelassen hat. Der Clou an Bildern wie „Warmlicht“, „Großes Lichtgelb“, „Licht des Tages II“ oder „Im Schatten“ ist ihre akribische Maltechnik, die einerseits den Eindruck eines Farbraumkontinuums hinterlässt, das sich in Wahrheit aus einem Mosaik monochromer Flächen zusammensetzt. Ein Kunstgriff, der einen grundsätzlichen Akt des Sehens sinnlich erfahrbar macht: wie nämlich die Erscheinung, das Licht, sich vom Fabrizierten abkoppelt und nach Autonomie strebt. Oder andersherum: Wie alles „überirdisch“ Leuchtende ans Material gebunden bleibt. Unendlichkeitssehnsucht und Desillusionierung halten sich bei Geccelli die Waage: „Melancholia“ (2003) heißt passenderweise sein von Violett nach Anthrazit changierendes Großformat, das auch in der „Melancholie“-Schau der Nationalgalerie zu sehen war. Jens Hinrichsen

ARCHITEKTUR

Schlaraffenland

und Blobhäuser

Manche sehen die deutsche Architekturszene im Tal der Ahnungslosen. Wer nicht über den Tellerrand schaut, wer arch+ nicht liest und das Internet als Teufelswerk scheut, der wird glauben, gmp, Kollhoff und allenfalls Libeskind seien die Fixsterne am architektonischen Firmament. Es liegt wohl auch an der Sprachbarriere zur internationalen Theoriediskussion, die andere Länder leichter überwinden. So ist es zu begrüßen, dass die Ideenwelt des weltweit gefeierten Rotterdamers Lars Spuybroek und seines Büros NOX nun in einem prächtig illustrierten Werkbericht in deutscher Sprache vorliegt (DVA, 69,90 €). Spuybroek, Jahrgang 1959, gehört zu den wenigen Exponenten der „Blobarchitektur“, die ihre avantgardistischen Entwürfe schon realisieren konnten.

Seine Bauten sehen aus wie der gequollene und eingefrorene Reisbrei aus dem Schlaraffenland; „Häuser“ schlängeln sich wie Tang durch die Stadt, wabenhäutige Hügelstrukturen gleichen Elektronenrastermikroskopaufnahmen, andere Meereswellen oder Amöbenkolonien. Spuybroek hat viel von Frei Otto gelernt und erforscht wie dieser selbstgenerierende Formen. Sein „Biokonstruktivismus“ versucht, natürliche Formfindungen mit neuester Computertechnik nachzuvollziehen. Die Ergebnisse sind alles andere als „Schweizer Kisten“ und lassen Baukunst wieder zur Erlebnisraumgestaltung werden. Falk Jaeger

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