Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Werk und

Nicht-Werk

Dass Verständnis erst aus einer Beziehung zwischen Nähe und Distanz entsteht, gilt auch für das Gebiet der Ästhetik. So reflektiert Peter Ruzicka mit seinen 1981 komponierten Schumann-Fragmenten „Annäherung und Stille“ eine Grundkonstante des Umgangs mit Musik zwischen scheinbarer Nähe und unüberwindlicher Distanz. Auf recht plakative Weise, aber dramaturgisch höchst wirkungsvoll tastet seine Komposition für Klavier und Streicher die Grenze zwischen Werk und Nicht-Werk, zwischen Eigenem und Fremdem ab, setzt Identifikation durch den körperhaften Puls und eine Stille, die den Hörer auf sich selbst zurückwirft – dagegen dann die schockhafte Präsenz poetischer Klavierexaltationen. Der Widerwillen eines hüstelnden Teils des Publikums im Konzerthaus war fast physisch zu spüren, dennoch schienen der Pianist Vladimir Stoupel und Steven Sloane als Dirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters überrascht von den energischen Buhs, die in die Pause am Ende hineindrängten. Versöhnt zeigte man sich allerdings bei Schumanns 1. Sinfonie, die Sloane bis hin zur Coda des Schlusssatzes stets noch steigerungsfähig in Schwung hielt. Spielerisch konnte das BSO hier vor allem mit seinen wunderbaren Holzbläsern punkten. Mozarts Klarinettenkonzert in einer zeitgenössischen Bearbeitung für Bratsche wirkt wie ein verfremdeter Blick auf das Werk, hält es auf letztlich doch unbefriedigende Weise in Distanz. Tabea Zimmermann gelang mit sparsamem Vibrato im langsamen Satz das seltsame Kunststück, gleichermaßen die fehlende Klarinette wie die Schönheit des Bratschenklangs zu evozieren, so dass sich zwar keine falsche Nähe einstellen konnte, echte aber auch nicht.

KLASSIK

Jugendsehnsucht,

Alterswehmut

Ein frühes Werk schenkt das Scharoun Ensemble Hans Werner Henze zum 80. Geburtstag: Die „Kammermusik 1958“ auf die Prosahymne „In lieblicher Bläue“ des im Turm dahindämmernden Hölderlin reflektiert ebenso das Antiken-Ideal des Dichters wie die ersten Italien-Erfahrungen des 32-jährigen Komponisten. Sie strahlt eine Klangsinnlichkeit aus, die Henze endgültig von den spröden seriellen Konstrukten à la „Darmstädter Schule“ entfernte. Auch seine „gemäßigt zwölftönige“ Melodienseligkeit blieb nicht immer vom „Altern der Neuen Musik“ verschont, nicht jedoch in dieser fulminanten Interpretation im Kammermusiksaal. Das Werk entstand für Peter Pears, doch Ian Bostrigde steht dem legendären Tenor an Leichtigkeit und Geschmeidigkeit nicht nach. In seufzenden, manchmal hart ausbrechenden Koloraturen und extrem gelagerten Spitzentönen atmet sein Gesang pure Sensibilität. Jürgen Ruck unterlegt das ariose Flair mit der Nachdenklichkeit zarter Gitarrenklänge, der das philharmonische Ensemble unter Marcus Creeds behutsamer Leitung ausdrucksreiche, die depressiv-aufbegehrende Spannweite des Textes ausschöpfende Farbwerte beisteuert. Die Wehmut dieser Musik ist nicht weit entfernt vom Abschiedston des Klarinettenquintetts von Johannes Brahms. Zumindest nähern die Scharouns das melancholische Alterswerk dem der weltschmerzlichen Jugend durch eine Klangsinnlichkeit an, in welcher der Violinschmelz Wolfram Brandls mit Karl-Heinz Steffens’ intensivem Klarinettenton die innigsten Dialoge eingeht. Auch die Girlanden des „ungarisch“ gefärbten Adagio-Mittelteils nehmen nahezu die frei schwingenden Melismen vorweg, mit denen Ian Bostridge dann so sehr berührt. Isabel Herzfeld

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