Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

FILMMUSIK

Blondinen

meucheln

Mehr ein Früh- denn ein echtes Meisterwerk ist Alfred Hitchcocks „The Lodger“ (Der Mieter) von 1926, mit dem die Komische Oper nun ihre ambitionierte Stummfilmreihe fortsetzte. Und doch zeigt dieser Film bereits einige der Lieblingsobsessionen des Meisters – insbesondere seine Neigung zu ermordeten blonden Frauen und verfolgten unschuldigen Männern. Gleich zu Beginn: dichtester Londoner Nebel, ein Meuchelmord. Als dann ein merkwürdig androgyner Mann bei einer liebenswert-kleinbürgerlichen Familie als Untermieter einzieht, gerät er schnell in Verdacht, Urheber einer Serie von Frauenmorden zu sein, zumal der Schönling geradezu panisch auf Bilder blonder Frauen reagiert.

Am Ende kommt alles anders, der Held versucht nur, den Mord an seiner blonden Schwester zu rächen und spannt dabei einem Polizisten die hübsche Vermietertochter aus. Der Film fasziniert mit fast surreal kontrastierenden Milieubildern, wunderbarer Schnitttechnik, eindringlich komponierten Bildmomenten – und vor allem mit der Musik von Ashley Irwin, die das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Scott Lawton bravourös zum Film synchronisiert. Irwin schlägt gleich zu Beginn einen pathetischen Ton an und schafft so gleichermaßen Anteilnahme wie Distanz. Wenn auch der Hochglanzklang des Orchesters in zuweilen etwas irritierendem Kontrast zu der recht blassen Filmkopie steht: Der Abend ist eine Freude für Stummfilmbegeisterte.

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ROCK

Berge

zersägen

Man kommt zum Konzert hinein, und schon verschlägt es einem den Atem: Im rappelvollen Magnet stehen sich die klatschnassen Leute gegenseitig in den Schuhen. „My Pussy’s sweatin’!“ stöhnt Beth Ditto von The Gossip , einem Trio aus Arkansas, dessen aktuelles Album „Standing In The Way Of Control“ sich zur Zeit auf den Plattentellern der angesagten DJs dreht. Dabei kommt die eigentliche Stärke von den Garagenrockern erst zum Tragen, wenn Ditto auf der Bühne steht und die Figur der von Emotionen zerrissenen Soul-Diva gibt, die selbstverloren und schweißgebadet in der Musik aufgeht: Eine Atombombe von Sängerin, die passend zu ihren selbstverständlich getragenen Pfunden über ein entsprechend voluminöses Organ verfügt – eine Stimme, als könnte man Berge zersägen.

Ist sie die Reinkarnation der großen Janis Joplin? Dolly Parton plus Etta James? Oder Karen O von den Yeah Yeah Yeahs mit dreifachem Körperumfang? Sieht jedenfalls so aus und klingt auch so, als hätte sie sich ihre Vorbilder einverleibt und würde sie nun stückweise ausstoßen. Dabei reduziert sie keinen Augenblick die Intensität ihres Auftritts und fällt auch mal unkontrolliert in sich zusammen, während ihre beiden Mitstreiter den spirituellen Brennstoff an den Rand des Wahnsinns drücken: Gitarre und Schlagzeug, Rhythm & Soul, Punkrock und Discobeat – eine Musik, die aus den Eingeweiden kommt. Sie nimmt sich der Unerträglichkeit des Lebens in der amerikanischen Provinz an und kanalisiert diese in Energie und Stärke, eine einzige große Energieexplosion – vielleicht der aufregendste Live-Act seit James Brown im Apollo.

Bis dann die letzten Sauerstoffatome den Saal verlassen haben und alle im Klatschrhythmus die aktuelle Single mitsingen: „Oh-Oh-Oh – Standing In The Way Of Control – We Live Our Lives“ – so euphorisch und happy, als wären sie gerade Weltmeister im Arschwackeln geworden. Was für eine Nacht! Ausschwitzen! Durchschwitzen! Wegschwitzen! Und dann die Getränke. Volker Lüke

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KUNST

Werkzeuge

wiederbeleben

Überall erkennt sie Gesichter. Wenn Beate Treptow ein Museum besucht, hat sie stets einen Skizzenblock dabei. Nicht wissenschaftlich akribisch, sondern subjektiv hat die Berliner Künstlerin die jahrtausendealten Exponate im Museum für Vor- und Frühgeschichte betrachtet und in Papiercollagen übersetzt. Sie sind nun am Entstehungsort in der Ausstellung Fundort bekannt zu sehen (bis 13. August, Di–Fr 9–17, Sa/So 10–17 Uhr). Beate Treptow arbeitet in Schichten, sie betreibt „umgekehrte Archäologie“. Die Zeichnung einer etruskischen Schnabelkanne hat sie zerrissen, wieder zusammengesetzt, mit roter Farbe unterlegt und Fetzen alter Skizzen hinzugefügt. Vom rechten Bildrand grinst dem Betrachter ein kleiner Kopf entgegen. An einigen Stellen ist die Farbe abgekratzt. Das darunter Liegende wird sichtbar. Die alte Bronze: ein expressives, lebendiges Bild.

Die UdK-Absolventin hat die Collagetechnik Mitte der neunziger Jahre für sich entdeckt. Mit den Werken ihrer vorzeitlichen Künstlerkollegen begann sie sich erstmals im Rahmen einer Serie über die langobardische Ornamentik des Mittelalters zu beschäftigen. „Mich interessiert, was im Dunkeln liegt,“ sagt sie. Beate Treptow transportiert die antiken Gebrauchsgegenstände in eine zweite Dimension. Sie gibt den anonymen Vasen, Werkzeugen und Schmuckstücken teilweise unbekannten Fundortes eine neue Identität. Ihre Bilder sollen den ästhetischen Blick auf die Relikte untergegangener Kulturen wieder freilegen. Lea Streisand

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