Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Zarte Folklore,

rauchende Trümmer

Für kantige Einzelgänger hat die Direktion des Konzerthauses schon lange ein großes Herz, und so leistet sich das BSO mit Michael Gielen einen ersten Gastdirigenten, dessen Laufbahn mit der gewöhnlicher Pultstars wenig gemein hat. Von Schönberg kommend, hat der 1927 Geborene sich in der Musikgeschichte Schritt für Schritt zurückgearbeitet, mit Beethoveninterpretationen viel Aufsehen erregt, dabei die Moderne stets gepflegt. Mit dem BSO spielt Gielen nun ein auf den ersten Blick etwas undankbares Programm. Bevor man nach der Pause Mendelssohns Dritte, die „Schottische“, wunderbar entspannt, ganz an der langen Leine und frei von jeder Pathetik zu hören bekommt, sind mit Janáceks „Lachischen Tänzen“ von 1890 zunächst recht unvertraute Einblicke in slawische Musik zu gewärtigen.

Diesen Stücken fehlt jede effekthascherische Eingängigkeit der Tänze à la Dvorák oder Brahms. Genau dafür wird Gielen, erklärter Feind aller Oberflächlichkeit, sie lieben, behutsam entfaltet er ein Panorama folkloristisch eher zart getönter denn grell eingefärbter Klänge. Auch das folgende Klavierkonzert von Alexander Skrjabin gehört sicher nicht zu den Repertoirerennern, denn Skrjabin, selbst begnadeter Pianist, hat den Solopart überraschend spartanisch ausgestattet. So durchmisst die junge Pianistin Daniela Hlinková mit dem BSO eine noch ganz der Spätromantik verhaftete Musik, der gleichwohl etwas von einem Trümmerfeld anhaftet. Nirgends üppige Orchestereruptionen, keine berauschenden Klavierkadenzen – das Leben scheint aus dieser Musik schon fast entwichen zu sein. Zehn Jahre später sollte sich Skrjabin dann einer neuen Musiksprache zuwenden.

KUNST

Gereckte Fäuste,

rollende Augen

Man möchte sie die Pin-ups des ausgehenden 18. Jahrhunderts nennen aufgrund ihrer großen Beliebtheit und Auflage: Aber das würde den Bijin-ga von Kitagawa Utamaro kaum gerecht, den meisterhaft ins Holz geschnittenen Porträts schöner Frauen. Die 18 Miniaturen im Museum für Ostasiatische Kunst sind vom Feinsten und sollen Das goldene Zeitalter des japanischen Farbholzschnittes repräsentieren. Bei nur zwei vertretenen Künstlern (Utamaro und Tôshûsai Sharaku) klingt der Ausstellungstitel jedoch allzu vollmundig (Lansstraße 8, bis 27. August; Di – Fr jeweils 10 – 18, Sa und So 11– 18 Uhr).

Andererseits: Allein Utamaros Liebeserklärungen an die Japanerin, mit edlem Linienfluss ins Holz geritzt, lohnen den Ausstellungsbesuch. Die legendäre Kurtisane Segawa tritt im Chrysanthemenblütengewand auf, mit stolzem Blick über die Schulter streift sie ihre zwei „Auszubildenden“, die Tusche reiben und eine Papierrolle beschriften: Zeichen der exquisiten Bildung japanischer Liebesdienerinnen.

Auf das rein männliche Schauspielermilieu der Vergnügungsviertel von Edo, Kyoto und Osaka hatte sich dagegen Sharaku spezialisiert, von dem ansonsten wenig überliefert ist. Seine Porträts von Kabuki-Darstellern bestechen noch heute durch ihre Ausdruckstiefe. Da werden, in den beliebten Blutrache-Dramen, die Augen gerollt und die Fäuste gereckt. Wie Macbeth und seine mörderische Gattin stecken zwei einst berühmte Schauspieler konspirativ die Köpfe zusammen. Ob die „Lady“ sich gerade anschickt, einen Dolch zu zücken oder holt sie vielleicht eine Giftphiole aus dem Kimono? Der Meister ist weise – belässt es bei der Kunst der Andeutung. Jens Hinrichsen

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