Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Zweite Garnitur,

erste Klasse

Thielemann setzt sich für Pfitzner ein, Barenboim für die Sinfonien Furtwänglers – fast in jedem Dirigentenherzen keimt eine solche verwegene Liebe für einen Komponisten der so genannten zweiten Garnitur. Im Herzen Kirill Petrenko s ist dieser Platz für den tschechischen Nachromantiker Josef Suk reserviert: Mit der „Lebensreife“ schließt der Chefdirigent der Komischen Oper im letzten Sinfoniekonzert der Spielzeit zugleich einen kleinen, auch auf CD erscheinenden, Zyklus der sinfonischen Dichtungen des Dvorak-Schwiegersohns ab. Was Petrenko zu dieser Musik hinzieht, deutet sich in der Komischen Oper schon in dem einleitenden „Märchen eines Winterabends“ an. Im sinfonischen Frühversuch lassen Klänge von schillernder Opulenz und atmosphärischer Dichte aufhorchen.

Musik voller dirigentischer Schlüsselreize, aber auch voller Gefahren, sich in ihren mäandernden Stimmverläufen zu verlieren. Doch Petrenko und sein hingebungsvoll spielendes Orchester verlieren sich zum Glück nie im Klangrausch, sondern lassen immer die vorantreibende Grundströmung spüren, die dem Werk erst den großen Atem verleiht. Die 1918 uraufgeführte „Lebensreife“ kann sich, Nagelprobe musikalischen Außenseitertums, sogar neben Bergs Violinkonzert (mit dem Konzertmeister Gabriel Adorjan als Solist) behaupten. Wo Berg seinen Weg aus der Spätromantik durch Stilisierung und ornamentale Verknappung findet, beschwört Suk noch einmal alle Zaubertricks des sinfonischen Apparats zur monumentalisierten Seelenschau, richtet der untergehenden K.u.K.-Epoche ein letztes, verschwenderisches Fest aus.

KUNST

Späte Liebe,

frühe Farben

Sie sei ein Phänomen, erklärt Klaus Wowereit in seinem Gratulationsbrief. Und das ist sie wirklich: Eva Böddinghaus feierte am 30. April ihren 95. Geburtstag. Geboren wurde die Berliner Malerin 1911, im selben Jahr, in dem die Künstlergemeinschaft „Brücke“ Dresden verließ und sich in Berlin niederließ. Bei Karl Schmidt-Rottluff, einem ihrer Gründer, hat die Spätberufene Anfang der sechziger Jahre als Meisterschülerin das Malereistudium abgeschlossen. Treu geblieben ist sie dem Expressionismus bis heute.

Die Inselgalerie widmet ihr nun unter dem Titel „Expressiv und lebendig“ eine kleine, feine Nach-Geburtstagsausstellung (Torstraße 207, Mitte, bis 7. Juli, Di–Fr 13.30 bis 18.30, Sa 13 bis 17 Uhr). Aktuelle Fotos zeigen die lebhafte alte Dame im Zehlendorfer Atelier. Bei etlichen der 22 ausgestellten Gemälde ist die Ölfarbe noch nicht ganz getrocknet – sie sind erst in diesem Jahr entstanden. Böddinghaus malt klassische Themen: Landschaft, Blumenstillleben, Stadtbild, Frauenakt.

Böddinghaus malt sie wie eine Junge, in intensiven, glühenden, festlichen Farben. „Wenn ich ein blühendes Rapsfeld sehe, bin ich hingerissen“, sagt sie. Zwar bleiben ihre Vorbilder unverkennbar: Neben den deutschen Expressionisten irrlichtern Munch und Max Beckmann durchs Bild. Was Eva Böddinghaus in die Gegenwart hebt, ist ihr Humor, die malerische Vitalität. So werden aus Landschaften Ereignisbilder. Krümmungen knallen wie Peitschenhiebe, Diagonalen verklammern Himmel und Erde. Da fließt viel Kraft hinein. Hoffentlich noch lange. Michael Zajonz

KUNST

Dunkler Mythos,

helle Geometrie

Armer Gott Sope: Derart nackt, ohne Blumenschmuck und Kleider, bar jeden festlichen Rahmens, macht die mikronesische Gottheit eine erbärmliche Figur. Wenige Schritte weiter dominiert ein „Modular Cube“ von Sol LeWitt den Saal. Gegen den weißen Riesenkäfig hat die ihrem Kontext entkleidete Volkskunst keine Chance, ebenso wenig gegen Hochkarätiges von Klee, Albers, Schlemmer, Brancusi, Rothko, Penck und anderen Avantgardisten, die sich das Ethnologische Museum aus der Nationalgalerie geholt und mit Kult- und Gebrauchsobjekten nicht-westlicher Kulturen zusammengeworfen hat (Lansstraße 8, Dahlem, bis 15. Oktober, Di-Fr 10 bis 18 Uhr, Sa/So 11 bis 18 Uhr) .

Da gerät nicht nur die titelgebende These des Kunsthistorikers Werner Haftmann von der Weltsprache Abstraktion gehörig ins Schwanken. Die Einsicht, dass alle Kunst sich irgendwie vom Gegenstand emanzipiert, klingt heute erstens reichlich banal und fegt zweitens ungerührt über die kultischen Zusammenhänge der gezeigten Exponate aus Mexiko, Ägypten oder dem Kongo hinweg. Zudem bleibt der interkulturelle, überzeitliche Dialog überwiegend in purer Behauptung stecken. Wenn Roberto Matta sich mit dem Großbild „Erdenkrank“ (1962) ausnahmsweise auf altmexikanische Mythen bezieht, bestätigt das nur die traurige Regel.

Mangels intelligenter Ausstellungsarchitektur erinnert diese säuberlich in die Abteile „Geometrische Abstraktion“, „Organische Abstraktion“, „Figurative Abstraktion“ separierte Ausstellung an einen großen Bahnhof voller Abstellgleise. Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar