Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

König der

Blumenkinder

Das kommt vom WM-Wahn: Der König der Blumenkinder gewährt Berlin eine Audienz, und kaum jemand merkt es. Beim einzigen Deutschland-Konzert von Devendra Banhart ist im FritzClub des Postbahnhofs an den Rändern noch Platz. Egal, der 25-jährige Neo-Hippie texanisch-venezolanischer Herkunft verspricht einen Rock-Abend. Man glaubt zunächst an Ironie, denn die erste Dreiviertelstunde ist ein im Sitzen gespieltes Akustik-Set, bei dem Devendra und seine vorzügliche dreiköpfige Band mit spitzen Fingern kuchenkrümelzarte Folksongs zerzupfen. Nach dem schaurig-schönen Geheul von „Hey Mama Wolf“ fragt er, ob jemand ein eigenes Lied vortragen möchte. Ein junger Argentinier nutzt die Chance zum bejubelten Solo und legt „Cocaine In My Brain“ nach, bei dem die Band ganz behutsam wieder einsteigt – ein magischer Moment.

Dann kündigt der Gitarrist „eine standen Lied“ an. Tatsächlich geht es im Stehen und auf erhöhtem Energielevel weiter. In die Verspieltheit mischt sich eine psychedelische Eindringlichkeit, die das Quartett wie Erben von The Band und The Doors klingen lässt. Leichthändig werden Coverversionen von Michael Jackson bis Caetano Veloso zwischen Devendras Weltverbesserersongs eingeflochten. Nach fast zwei Stunden beschließt das ekstatische „I Feel Just Like A Child“ ein großartiges Konzert.

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KLASSIK

Mozart hatte

eine Schwester

Die Frauen im 18. Jahrhundert hatten es schwer. Die Genieschwestern Nannerl Mozart und Cornelia Goethe hatten dazu einiges zu sagen. Im Vorfeld der Mozart-Festtage der Komischen Oper das Liedschaffen des Jubilars und seiner Zeitgenossen mit Briefzitaten zu koppeln, hätte so einen kurzweiligen Abend ergeben können. Schließlich sind es die Frauenfiguren, deren vielschichtiges Gefühlsleben Mozart am stärksten inspiriert, und Maria Bengtsson ist ihre ideale Verkörperung. „Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte“, da schwingt die Erregung der Situation im flirrenden Timbre der Sängerin mit. Auch die letzten drei Mozart-Lieder, besonders „Abendempfindung“, berühren mit sanften Seelenregungen. Wenn zuvor Rebecca Maurer den letzten, tief depressiven Brief der vereinsamten Cornelia Goethe gelesen hat, verbindet sich dies eigentümlich mit Mozarts Melancholie. Doch die Rezitatorin und Pianistin haspelt die Texte schulmädchenhaft herunter, und auch der leicht blecherne Klang des Hammerflügels betont das Biedere, Betuliche. Zu viel Schäferlyrik und tugendsames Gerangel um verschämte Genüsse lässt sie wie längst verwelkte Poesiebildchen erscheinen, und Bengtsson fehlt dafür auch der naiv-klare Ton.

Die Doppeldeutigkeit des „Zauberers“ etwa bleibt aufgesetzter Humor. Lichtjahre von Mozarts Vielschichtigkeit entfernt sind neckische Gesänge von Joseph Haydn, an Belanglosigkeit kaum zu überbieten leider auch die Lieder des kürzlich zum „Gegen-Mozart“ ausgerufenen Joseph Martin Kraus. Schnee von vorgestern. Isabel Herzfeld

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KUNST

Heute kommt

der Weihnachtsmann

Joseph Beuys lebt. Als lesbisches Kaninchenpaar namens Joseph und Josephine. Willoughby Sharp kann sich über seine Idee kaputtlachen. Da steht er im Künstlerhaus Bethanien , Galerist, Videokunstpionier, Magazingründer, Freund von Beuys und Bruce Nauman, eine „Ikone des Postmodernismus“. Wenn der daad-Fellow durch sein Viertel um das Kottbusser Tor läuft, fassen ihn Kinder an und nennen ihn Weihnachtsmann. Er trägt einen langen grauen Bart und einen Beuys-Hut.

Wenn die Ausstellung fragt: Who is Willoughby Sharp? (bis 9. Juli, Besichtigung n. Absprache: Tel. 030/614 88 47), liegt es nahe, den Kaninchenkäfig „Beuys lives“ als Antwort zu nehmen. Denn Sharp definiert sich über Beziehungen. Sein Konzept? „Persönlichkeit. Intimität.“ Das ist alles. Wenn er Fotos seiner kürzlichen Krebsoperation ausstellt, geht die Intimität allerdings etwas weit. Im Bethanien sind Reste seiner ersten eigenen Schau zu sehen. Als er im Mai in der Galerie „Kunstpunkt“ ausstellen sollte, hatte er kein Kunstwerk dabei und „no fucking idea“. Erste Inspiration war der Kaninchenkäfig in einem Baumarkt-Katalog. Die Kaninchen wurden gestern wieder ausgesetzt. Ausstellungsbesucher empfängt er persönlich. Kolja Reichert

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