Kultur : KURZ  &  KRITISCH

Simone Kermes
Simone KermesFoto: promo

KLASSIK

Donnernde Plateausohlen: Simone Kermes im Konzerthaus

Sie dringt mühelos in die höchsten Höhen vor – und tritt zugleich kräftig mit der Plateausohle auf. Simone Kermes ist eine Diva, aber nicht von der ätherischen Sorte. Die Leipzigerin liebt es schnell und schrill. Dafür hat man sie „die verrückte Königin des Barock“ getauft. Doch Kermes ist beim Auftritt mit ihrem neuen Album „Dramma“ im Konzerthaus komplett bei Sinnen. Und vor allem bei Stimme. So ausgeglichen, so ohne erpresste Töne hat sie noch nie geklungen. Die nach dem erfolgreichen Vorbild der Bartoli sorgsam ausgesuchten, vormals vergessenen Arien, einst für Kastratenstars wie Farinelli komponiert, fügen sich ihrer perfekt kontrollierten Sopranstimme. Manches Mal schießt ihr Bedürfnis nach Bewegung über die Musik hinaus. Dann donnern die Plateausohlen wieder los, und Singen soll vor allen ein schneller Tanz sein. Natürlich ist es nicht verkehrt, das elfköpfige Begleitensemble La magnifica comunità unter Zugzwang zu setzen. Besser noch wäre, seine überbordenden Instrumentaldarbietungen zu kürzen. Bei Porporas Arie „Alto Giove“ wagt sich Kermes zu verletzlichen, zarten Tönen vor, lässt sich umfangen vom Rausch der Klänge. Neben drapierten Haarteilen und eigenwilligen Miederkleidern trägt sie dabei eine Maske. Und lässt sich in ihrem Schutz neu entdecken. Ulrich Amling

KLASSIK

Überirdische Pracht: Michael Gielen mit dem Konzerthausorchester

Festliche Stimmung im ausverkauften Konzerthaus: Bevor Michael Gielen am Freitag mit dem Konzerthausorchester auftritt, dem er als Erster Gastdirigent verbunden ist, führt der inzwischen 85-Jährige die Staatskapelle durch ein französisch-deutsches Programm, mit Szenen aus Berlioz’ „Roméo et Juliette“, Ravels „Shéhérazade“ (mit Patricia Petitbon, deren Sopran sich fabelhaft über das vergrößerte Orchester erhebt) und schließlich Beethovens achter Symphonie. Dem Abend möchte man nur zu gern den Zweitnamen „Schönheitsbehandlung“ oder zumindest „clarté“ geben, so erlesen breiten sich die Farben im ersten Programmteil aus, so durchsichtig präsentiert sich Beethovens Achte nach der Pause, zumal der erste Satz mit seiner schulbuchartig klaren Sonatenhauptsatzform oder das puppige Allegretto an zweiter Stelle.

Gielen lässt sich nicht fortreißen, nicht von den trocken (fast witzlos) genommenen letzten Akkordstiegen der Achten, die seit jeher als eine der leichteren von Beethovens Symphonien gilt, auch nicht von den Festszenen von „Roméo et Juliette“, deren Stimmung unversehens vom gepflegt Pumpernden in leise Bedrohlichkeit wechseln kann. Ein Meister der Achtsamkeit, setzt Gielen stattdessen die besonderen Fertigkeiten der Staatskapelle ins Licht: Legati, die gleich anfangs, in der pastoral anmutenden ersten „Roméo seul“-Passage so dicht sind, dass dazwischen kein Fuß auf die Erde zu bekommen ist, oder Crescendi und Decrescendi, die nicht plötzlich aufklappen und danach asymmetrisch wieder einfallen, sondern unmerklich werden und vergehen – und das in Sekundenschnelle. Christiane Tewinkel

ROCK

Außerirdische Klangnebel:

Tame Impala im Postbahnhof

Selbst als Befürworter des Rauchverbots bei Konzerten hat man Verständnis dafür, dass bei Tame Impala im ausverkauften Postbahnhof dichte Qualmschwaden über den Köpfen aufsteigen. Denn was das Quintett aus dem westaustralischen Perth da aus den Instrumenten wringt, ist lupenreine Drogenmusik. Kein Wunder also, dass die neben einem die Köpfe wiegenden Kettenkiffer schon den vierten Joint rollen, als Tame Impala mit dem majestätisch rollenden „Runway, Houses, City, Clouds“ auf die Zielgerade einbiegen. Wobei, das ist auch wieder so ein zuckender Zehnminutenlindwurm von einem Song samt kryptisch mäanderndem Mittelteil und sachter Tempoverschärfung zum Finale. Und dabei mit seiner klar geordneten, an den Heavy Bluesrock von Cream erinnernden Riffstruktur doch einer der potenziellen Hits dieser in diffusen Klangnebeln herumstochernden Band.

Im Zentrum des von unspektakulären Lichtprojektionen untermalten Treibens steht Kevin Parker, ein freundlich grinsender Mittzwanziger mit schulterlangem Schüttelhaar, dessen Stimme von so viel Hall unterlegt ist, dass er wie ein engelhafter Außerirdischer mit defektem Universalübersetzer klingt. Die von elliptischen Melodiemotiven durchzogenen Songs lassen an die US-Kollegen von Animal Collective denken. Doch wo deren Lieder eine mückenschwarmartige Unruhe transportieren, gehen Tame Impala mit dem Gemüt eines Dickhäuters zu Werk. Den wiederum besingen sie in einem für ihre Verhältnisse energischen Glamrock-Stampfer: Zu „Elephant“ wackeln die Köpfe nebenan noch heftiger und es werden sogar ein paar Tanzschritte gewagt. Das ist aber noch lange kein Grund zum Ausrasten. Lieber schnell noch einen durchziehen. Jörg Wunder

ROCK

Entfesselte Büffelherde:

Liars im Festsaal Kreuzberg

Klangwolken hängen im Raum, die von einer Winzigkeit Langeweile aufgelöst werden. Dann aber wieder hinein in die Materie, wagemutig, aufreibend, lustig. So sind die Liars, die aus dem New Yorker Noise-Rock-Umfeld stammen und sich in zwölf Jahren vom dadaesken Postpunk über Krautrock und Trommelwahn zur flirrenden Elektronik ihres neuen Albums „WIXIW“ durchgearbeitet haben.

Im Festsaal Kreuzberg stößt Sänger Angus Andrew nach drei Stücken einen spitzen Schrei aus, während Aaron Hemphill vom Keyboard zur Zusatztrommel wechselt, um mit Schlagzeuger Julian Gross ein Voodoogetrommel zu entfesseln, das sich anhört wie eine Büffelherde, die über eine Halde Autoreifen donnert. Die Band legt los wie ein um sich schlagendes Riesenbaby. Voller Energie sucht sie nach dem ultimativ nervösen Muster. Dann streut sie aber auch ein paar poppige Melodien ein, wohl wissend, dass ihre atonalen Ausbrüche danach umso besser wirken. Schnipselfeuerwerk, Atmosphäre als Attacke gegen abgeschmackten Rock’n’Roll. Bis nach einer guten Stunde auch die Abgebrühtesten in den Wellen dieses irrsinnigen Art-Rock-Szenarios ermatten, das die Errungenschaften von Gang Of Four, Einstürzenden Neubauten und Marx Brothers in ungeahnte Höhen schraubt. Dabei liegt unter dem Freestyle-Getöse das ewig Große begraben: Punkrock, ein Klassiker, der alles vertragen kann. Volker Lüke

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