Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Häuser

im Himmel

„So. Fertig“, sagt Axel Timm zufrieden, nachdem er das letzte Holzplättchen angeleimt hat. Mit dem weißen Modellhaus in den Händen balanciert der Architekt die steile Leiter hinab, um es zu seinen Vorgängern zu stellen. Seit einem Monat haben Timm und sein Kollege Francesco Apuzzo ein Architekturbüro im Obergeschoss des Grenzwachturms Schlesischer Busch. Wo früher NVA-Soldaten die Grenze sicherten, herrscht jetzt friedliche Bastelstimmung. 2004 wurde der denkmalgeschützte Wachturm am Flutgraben saniert und dient seitdem der Treptower Kunstfabrik als Raum für wechselnde Ausstellungen. Unter dem Titel Wohnen im Turm. Bauvorhaben Schlesischer Busch (Am Flutgraben 3, bis 30. Juli) laden die Architekten von Raumlabor Berlin dazu ein, mit dem Geschichtssymbol persönlich in Beziehung zu treten.

In ihrem Plan-Spiel empfingen sie vier Wochen lang potentielle Bauherren, die den Turm zum Einfamilienhaus umgestalten durften. Timm und Apuzzo nahmen Vorstellungen und Wünsche auf, erarbeiteten Grundrisse und bastelten Modelle, in Handarbeit. „Es war reizvoll, mal ganz analog zu bauen“, erzählt Apuzzo. Immer neue Gäste steckten ihre Köpfe durch die Bodenluke, Touristen, Künstler, Rechtsanwälte, kletterten weiter aufs Dach, standen dort neben dem lampenlosen Gehäuse des alten Suchscheinwerfers, ließen den Blick schweifen und träumten vom idealen Wohnraum. Ein Investor schaute auch mal rein und träumte von einem Verwertungsraum. Keine Chance: Ist schließlich nur ein Spiel. Die Ergebnisse sind jetzt im Zwischenstock ausgestellt. Oben wird weiter gebastelt. Timm und Apuzzo haben noch ein paar Modelle in Arbeit.

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ARCHITEKTUR

Himmel

aus Holz

Kirchen, Kirchen, Kirchen! Neben Schlössern und Staatsbauten hat Karl Friedrich Schinkel, dessen 225. Geburtstag in diesem Jahr gewürdigt wird, auch etliche evangelische Kirchen entworfen. Die meisten stehen in Dörfern und Kleinstädten im heutigen Polen und werden inzwischen meist von Katholiken genutzt. Wie sehr es sich lohnt, den unbekannten, in Preußens Provinzen wirkenden Baubeamten Schinkel zu erkunden, dokumentiert die Ausstellung Schinkel in Polen des Vereins Kulturforum Schwielowsee e. V. im Schloss Caputh (bis 23. Juli, Di-So 10-17 Uhr). Gezeigt werden Architekturfotografien von Hillert Ibbeken, der zwischen 1998 und 2001 das gesamte erhaltene Schinkelwerk aufgenommen hat. Ibbekens Bilder besitzen in ihrem spröden Schwarzweiß beinahe abstrakte Qualität – die dem Charakter von Bauten wie Schloss Kamenz/Kamieniec bei Breslau oder der komplett aus Holz errichteten Basilika in Heilsberg/Lidzbark Warminski kongenial entspricht.

Ein weiterer Schinkelbau ist Schloss Kurnik/Kórnik bei Posen – auch wenn die neogotischen Entwürfe des Meisters dort großzügig abgeändert wurden. In Kurnik plante Schinkel für einen polnischen Bauherrn: Graf Tytus Dzialynski. Die Ausstellung Ein Schinkelschloss in Polen in der Orangerie von Sanssouci (bis 23. Juli, Di-So 10-17 Uhr) zeigt historische Pläne und Fotos (in Reproduktionen) sowie aktuelle Farbaufnahmen dreier polnischer Fotografen. Ein Vergleich lohnt. Eine Reise auch. Michael Zajonz

KLASSIK

Töne

wie Tropfen

Unwetter? Ach was! Die alte Dame, die durchnässt zum Glashaus des Botanischen Gartens stapft, hat schon anderes erlebt. Drinnen kleben Dauerwellen und Kleider an Körpern und Köpfen, barfuß watet man zwischen Wasserfällen aus undichten Dachstellen zu den wenigen freien Plätzen. Das Auditorium ist trotz des Gewitters am Samstag fast voll. Eine klare Willenserklärung des Publikums, die sich nicht ignorieren lässt. Nachdem der Pianist seine Skepsis ob der Wasserlache neben dem Flügel überwunden hat, legt das Akanthus Ensemble , ein Klaviertrio aus Mitgliedern des Deutschen Symphonie Orchesters, los. Und es zeigt sich: der Botanische Garten hat als Musikveranstalter einen grünen Daumen. Das Programm mit Musik aus der Achse Paris-Moskau ist populär und rar zugleich, die thematisch-biographischen Querbezüge erläutert Violinist Karsten Windt in knapper und lockerer Moderation. Zu entdecken gibt es etwa die sommerlich-entspannten Trio-Miniaturen des aus Moskau stammenden Spätromantikers Paul Juon (1872 – 1940), der übrigens lange als Kompositionsprofessor in Berlin wirkte. Anton Arenskys Opus 32 kauft man den Interpreten sogar als Meisterwerk der spätromantischen Klaviertriokunst ab; die von Verve und lockerer, aber nie fahrlässiger Spielfreude und Ausdrucksbereitschaft geprägte Interpretation wird zum Höhepunkt des Abends. Blumen verschenken diesmal die Musiker: an Brigitte Zimmer, die ihre langjährige Tätigkeit als nebenamtliche „Intendantin“ der Reihe Klassik im Grünen mit dieser Saison aufgibt. Die von ihr aufgezogene kostbare musikalische Pflanze aber gehört gehegt. Man kann sie auch mal kräftig gießen. Carsten Niemann

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FOTOGRAFIE

Linien

wie Lava

Grün und Hellblau, Rosa und Weiß leuchten dem Betrachter entgegen. Wie das Aufblitzen einer Erinnerung, ein Gefühl, das bleibt, wenn die Details einer Reise längst verschwunden sind. Erst in der Serie lässt sich der Blick aus einem Bus erkennen. Der erste Eindruck täuscht: Das zieht sich leitmotivisch durch die Ausstellung Reisen bildert der Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten (Turmstr. 75, bis 29.7., Di-Sa 14-19 Uhr). Erinnerungen sind subjektiv, der Realität entfremdet. Was wie orange-rot leuchtende Lava über ein Bild zu laufen scheint, entpuppt sich als Nahaufnahme von Gemälden der Aborigines in Australien. Ist Reisen nicht viel mehr eine Frage der inneren Einstellung als reale Grenzüberschreitung?

Ein Teil der Künstlergruppe um die Fotografin Ursula Kelm ist in Berlin geblieben. Gereist sind sie in den Linienbussen 100 und 200. Neues haben sie entdeckt, meist mehr als die Kollegen, die sich in die Ferne begeben haben, nach Irland, London oder Anatolien. Diese bleiben an der Oberfläche, erreichen nicht die Intensität der Daheimgebliebenen, die allein künstlerisch einen Weg zurücklegten. Dass es nicht darum geht, was man sieht, sondern vor allem, wie man es sieht, verdeutlichen Fotografien, auf denen stets etwas im Weg ist, das den Blick auf das Ersehnte nicht frei lässt. Ein Kratzer, die reflektierende Sonne, verdunkelte Fenster. Ein anderes Bild, eine ähnliche Metapher: Leitplanken, die vorbeiziehen. Orte, an denen man nie anhalten wird. Auch das ist Reisen. Sarah Hofmann

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