Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Hör auf

dein Herz

Suzanne Vega hatte es noch nie mit großen Posen. Sie ist einfach da, kurz nach acht. Scheues Lächeln. Hängt sich die Akustikgitarre um und singt. „Marlene On The Wall“ war ihr erster Hit, vor einundzwanzig Jahren. „Thank you“, sagt Suzanne und nimmt die schwarze Schiebermütze ab, unter der kurze rotfransige Haare hervorleuchten. Nächster Song. Elegantes Fingerpicking, offen jazzig ringelnde Akkorde. Ein paar sehr alte Songs werde sie spielen, ein paar neue, und ein paar von zwischendrin. „Caramel“ mit leichtem Bossa-Nova-Einschlag ist so ein Zwischendrin-Song aus dem Jahr 1997. Damals hatte die New Yorkerin mit dem Album „Nine Objects Of Desire“ die experimentelle Linie von „99,9 F“ mit Synthesizerklängen, Drummachines und elektronisch verfärbter Stimme fortgeführt. Zum Missfallen etlicher Fans.

Heute braucht Vega nicht mal eine neue Platte, um ihre rührend treue Anhängerschaft ins Konzert zu locken. Das letzte Album „Songs In Red And Gray“, mit dem die Singer/Songwriterin zurückgekehrt war zu den eingängigeren Arrangements ihrer früheren Folk-Roots, liegt immerhin fünf Jahre zurück. Vielleicht ist es die anhaltende Erinnerung an ein strahlendes Berliner Konzert im Jahr 2002, dass selbst ohne neue Veröffentlichung die Passionskirche auch heute wieder brechend voll ist. Und alle lauschen andächtig den stillen Songpoemen zwischen Folk, Jazz und Pop. Der harschen Großstadtpoesie, der weichen Altstimme. Allerdings diesmal lediglich begleitet von einem Bassgitarristen. Und dann legt Suzanne auch noch ihre Gitarre beiseite und singt zum Bass eine umwerfende Version von „Blood Makes Noise“. So schön, dass man das eigene Blut rauschen hört, das Herz puckern. Und dann die großen Hits: „Luka“. Und „Tom’s Diner“ a cappella. Und die Fans singen „duppdidöhdöpp-duppdidöhdöpp“. Angenehm familiär intimer Abend.

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KUNST

Ab in

die Ecke

Zugegeben, die Ecke als solche ist in Verruf geraten, seit das Hineinstellen von kleinen Kindern als Mittel der Pädagogik ausgedient hat. Immerhin hat die Ecke in der Kunst große Anerkennung erworben: mit Beuys’ Fettecken oder Sigmar Polkes schwarzer Ecke auf weißer Leinwand, die zu malen ihm Außerirdische diktierten. Alfred Hückler ist anders zu seinen dreißig Variationen rund um die Ecke im Mies van der Rohe Haus gekommen, die er unter dem Titel „Recht winklig . Durchdringungen“ zusammenfasst. Allein mit seinem L-förmigen Grundriss ist das 1932 erbaute Haus Lemke selbst eine Hommage an den 45-Grad-Winkel (Oberseestraße 60, bis 27. August, Di-Fr 13-18 Uhr, Sa/So 14-18 Uhr).

Mit spielerischer Leichtigkeit und formaler Akribie buchstabiert der 1931 geborene Hückler sein Thema in Plastiken, Reliefs und Grafiken durch. Seine Liebe zur Geometrie steckt an. Und so spielt es keine Rolle, ob der Betrachter die optische Regel „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“ kennt – die von diesem Lehrsatz inspirierte Lasergravur mit weißem Filigran auf schwarzem Grund ist schlichtweg schön. Einige plastische Arbeiten verraten den Design-Formgestalter, der von 1991 bis 96 Rektor der Kunsthochschule Weißensee war. Hücklers raffinierte Außenskulpturen aus Eternitplatten sind von der strengen Malerei des Dresdner Konstruktivisten Hermann Glöckner angeregt. Auch er: ein Apologet der Ecke. Jens Hinrichsen

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KUNST

Zwei Seelen,

ach

In ihrem Tagebuch beschreibt sie, wie sie vor der Trauerfeier am 27. Oktober 1938 im Güstrower Atelier den aufgebahrten Künstlerkollegen Ernst Barlach sieht. Nach Berlin zurückgekehrt, stellt Käthe Kollwitz den toten Bildhauer in einer Kohlezeichnung dar: mit eingefallenen Zügen, abgekämpft und gottverlassen. Das eindrucksvolle Blatt empfängt die Besucher der Ausstellung Ernst Barlach und Käthe Kollwitz im Zwiegespräch im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin (Fasanenstraße 24, bis 31. August, tägl. außer Dienstags 11-18 Uhr, Katalog 25 €).

Es muss schon für die Zeitgenossen verlockend gewesen sein, zwischen dem Bildhauer, Jahrgang 1870, und der drei Jahre älteren Grafikerin eine Art Seelenverwandtschaft zu suchen. Dabei sind sich die Kollwitz, die ab 1891 in Berlin lebte, und der Norddeutsche Barlach nie allzu privat begegnet. Sich ihrer Bewunderung zu versichern, dazu waren die beiden Einzelgänger zu scheu. Nur dem Tagebuch vertraut Käthe Kollwitz 1921 an: „Den bewundere ich – und beneide ich.“ Der von Annette Seeler mit Barlach-Leihgaben aus Güstrow und Hamburg klug ergänzte eigene Bestand des Kollwitz-Museums zeigt – zum 20. Jubiläum des Museums – thematische und ikonografische Korrespondenzen in beider Werk: von den frühen satirischen Zeichnungen über Illustrationen zu Goethes „Faust“ bis zu den monumentalen, vom Krieg gezeichneten Leidensfiguren. Christentum trifft Sozialismus: Ob Christus oder der ermordete Arbeiterführer Karl Liebknecht, im Tod sind alle gleich. Michael Zajonz

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