Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Weihrauch wagen

Man hört alles unter der breiten Decke des Musikinstrumenten-Museum s – man darf auch alles hören. Der Kammerchor Credo benötigt keine hallende Kathedrale, um sich einen akustischen Heiligenschein aufsetzen zu lassen. Vor vier Jahren wurde der Chor aus Absolventen und Studenten der „Musikakademie P.I. Tschaikowski“ Kiew gegründet. Kapital des Chors ist neben der absolut sauberen Technik sein saftiger und natürlicher Gesamtklang, eine gekonnte Verbindung von Einzelstimmen, die durchaus solistische Ausstrahlungskraft besitzen. Ikonen ukrainischer geistlicher Musik wirken vom Weihrauch befreit, einige Neukompositionen loten harmonische Möglichkeiten der A-cappella-Komposition im 21. Jahrhundert aus. Oft atmen die Linien die Frische ukrainischer Volksmusik, die in der zweiten Hälfte zum Zuge kommt. Wieder überzeugt der Chorklang mit dunklem Glanz und darf sich so mit den Augen einer Maria vergleichen, die sich in einem Lied „vor Liebe verdunkeln“. Punkte kann der Chor auch in der B-Note sammeln: Wenn man sich schon zum Tanzlied in bunte Trachtenhemden schmeißt, dann darf man den Blick nicht scheu vorm Publikum senken, sondern muss den Bären zum Steppen bringen (noch einmal heute 18 Uhr, Luisenkirche Charlot tenburg) .

CHANSON

Der Tod steht ihm gut

Ein Hauch von Abschied schwebt über dem Tränenpalast . Die Geier kreisen schon über dem Aas. Dass Denis Fischer als einer der letzten Acts hier auftritt, verwundert nicht: Der jüngere Bruder des Chanson-Stars Tim Fischer verkörpert das finale Ende. Der Tod ist bei dem Sänger allgegenwärtig, sämtliche seiner Lieder vom Doors-Stück „Bird of Prey“ bis zu Sonny Bonos „Bang Bang“ behandeln den Tod, der stärkste Einfluss stammt wohl von der Rocky Horror Picture Show. Seine tief vibrierende Stimme verströmt die morbide Düsternis eines Grabes, auf dem Cover seines Debütalbums „Death Songs“ zeigt er sich mit glatt gewachstem Haar vor einem Totenkopf. Dabei wirkt Fischer eigentlich brav, ein schmaler schüchterner Junge, der in gestreiftem Pullover die Bühne betritt. Sein volles Vibrato erfüllt den Raum, Bühnenpräsenz aber ist nicht seine Sache. Die Bewegungen wirken unbeholfen, die Witze unlocker. Fischer erzählt von der Plattensammlung, die er von seinen Eltern geschenkt bekam, mit Schätzen von Glen Campbell, Willy DeVille, Billy Joel. Zum Schluss ein wunderbarer Abgesang: „Six More Miles to the Graveyard“ von Hank William, tiefschwarz und traurig gehaucht (heute und So im Tränenpalast, 20.30 Uhr, am 11. September im BKA-Theater). Sarah Hofmann

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