Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Magie der

Millimeter

Rockgitarristen gibt es wie Sand am Meer, begnadete Saitenhelden eher weniger. Im Quasimodo hat man Freitagnacht gleich zwei davon: zunächst Kristof Hahn , Berlins besten Rockgitarristen, der immer noch als Geheimtipp gilt. Begleitet von Kontrabass und Pedal-Steel steuert er seine „Les Hommes savages“ durch weites Americana-Gelände. Wunderbar! Und der perfekte Einstieg für den Auftritt von Tom Verlaine , Mastermind der legendären Televison aus New York, der nach 14-jähriger Pause gleich zwei neue Alben veröffentlicht hat.

Im Quasimodo begleitet ihn der Gitarrist Jimmy Ripp, der für seine Zusammenarbeit mit Mick Jagger bekannt ist. In konzentrierter Entspanntheit klappen die beiden einen Raum zum Wegdriften auf. Wie zarte Fäden aus Zigarettenqualm schwirren die Töne aus den Gitarrenverstärkern. Verlaines Stimme klingt jetzt manchmal wie Lou Reed. Freischwebende Rock-Psychedelia, eng verwobene Blues-Figuren und Surf-Melodien, so biegsam wie Knetmasse, immer dezent um einige Grade ins Schräge versetzt. Sie spielen „Kingdom Come“ von Verlaines erster Soloplatte (1980), „The Scientist writes a Letter“, „Little Johnny Jewel“, ein Biker-Instrumental, eine Acid-Melodie, die an Ellingtons „Caravan“ erinnert – klingende Formanalysen, deren Coolness schwindet, je länger die Analysten mit ihren Gitarren spielen dürfen. Zwei Stunden lang pure Magie. Und das große Gefühl, dass Musiker und Publikum den entscheidenden Millimeter über dem Boden schweben.

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KUNST

Flimmern

der Geschichte

Die Auguststraße und ihr Charme: Das verspielte Durcheinander der Kunstmeile wirkt wie von Malerhand geplant. Mittenhinein sendet die Künstlerin Ingrid Berger nun Störsignale aus dem leerstehenden Haus Auguststr. Nr. 16 . Sobald es dunkel geworden ist, erscheint in fünfzehn Fenstern Fernsehflimmern. Anders als in einem bewohnten Haus verspricht hier nicht einmal der Unterschied zwischen dem Widerschein eines Thrillers und einer Tierdokumentation Spuren von Individualität. Das Flimmern ist gleich geschaltet.

Berger hat sich von Kafka inspirieren lassen. Tatsächlich kann man sich vor ihrer Installation Rauschen 1 + 2 (tgl. 22.30 bis 3 Uhr, Rauschen 1 bis 20. 7., Rauschen 2 bis 4. 8.) verlieren wie K. im Singen und Rauschen der Telefone. Geschichten von Entindividualisierung aber schocken heute niemanden mehr. Die Mitte-Menschen, die vorübergleiten, sagen „cool“ und „schön“ und zücken ihre Fotohandys. Wer sich dennoch gruseln will, kann den Briefkasten an der Hauswand öffnen und im Faltblatt die Geschichte des Gebäudes kennen lernen: 1941 begann hier die Deportation alter Menschen in Vernichtungsfabriken. Kolja Reichert

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