Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

BLUES

Körper

in den Tönen

Wer pünktlich um 20 Uhr in die Spandauer Zitadelle kommt, hat den ersten Teil des Doppelkonzertes versäumt: Schon kurz nach sieben steht Buddy Guy mit Band auf der Bühne. In den sechziger Jahren war der heute 70-jährige Bluesmann Vorbild für Gitarrenhelden wie Clapton und Hendrix. Jetzt spielt er elektrisierend frische Versionen alter BluesKlassiker und eigene Songs. „Buddy Guy ist der beste Blues-Gitarrist der Welt“, sagt Jeff Beck. Auch er hatte ihn einst als musikalisches Vorbild; heute spielt der 62-jährige Brite, der so unglaublich jung wirkt, lässig seinen eigenen Stil. Ein explosives Gemisch aus Blues, Rock, Jazz, Reggae, Funk, Bebop, Heavy Metal und arabischer Melodik, inspiriert begleitet von Schlagzeug, Bass und Keyboards.

Beck kann es sich leisten: 75 Minuten Gitarrensolo am Stück. Gerne folgt man jedem seiner Töne. Noch vergnüglicher ist es, die Feinheiten seiner Technik zu beobachten. Nie werden sie zum eitlen Selbstzweck, sie dienen immer der Sache: der Musik, der Idee, der Erneuerung. Wie Beck seinen Körper in die Töne legt, die er biegt und zieht und reißt, mit Daumen und Fingern. Gläsern schleift mit dem Bottleneck, hämmert mit der Faust oder Handkante. Wie er wohldosiert mit Volumenregler und Vibratorhebel verzerrte Klangwellen in die Höhe schrillen und wieder abschmieren lässt. Industrielärm, rhythmisches Funkeln, Blubbern und Buppern neben weichem Wohlklang. Kein Gesang, keine Worte: nur das Flüstern, Wimmern, Kreischen der weißen Stratocaster, durch drei Marshall-Verstärker gezerrt. Von Techno-Anklängen zurück zum Blues. Und „Somewhere Over The Rainbow“.

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KUNST

Wald hinter

den Bäumen

Topografie und Totentanz: Patrick Rieves Comiczeichnungen sind Architekturskizzen und Angstdramen zugleich. Rieve transportiert das eigene Wohnhaus in den Comic und bevölkert es mit Skeletten, Horrorfiguren und dem eingepferchten Alter Ego. Den Titel der Reihe Ortsbegehung im Neuen Berliner Kunstverein nimmt er beim Wort. Die zwölfte Ausgabe seit 1995versammelt drei Positionen mit popkulturellem Ansatz: „Reality in general is almost unavoidable“ (Chauseestr. 128, bis 20. 8., Di - Fr 12 - 18, So u. So 14 - 18 Uhr).

Da sind die körperhaft-sinnlichen Ereignisse der „Popfeministin“ Anna Gollwitzer anfasst, die den Besucher über die Schwelle der „Knownowtür“ treten lässt. Ihre riesigen Satzzeichen aus klavierlackschwarzem Holz lassen sich hin- und herrollen und zu fragmentarischen Sätzen choreografieren. Kirstine Roepstorff geht es um Balance, im physischen, politischen, ökologischen Sinn. Ihre wandteppichartige Berg-Wald-Collage aus Riesenfoto, Buntpapier und Glitterschnipseln wirkt von weitem kindlich-bezaubernd. Bis das Idyll in der Nahsicht gehörig ins Wanken gerät, weil sich – mittels Zeitungsfotos – Naturgewalten, Terroristen und Politiker hinter den Bäumen verstecken. Merke: Die Wirklichkeit taugt nicht zur Fototapete. Jens Hinrichsen

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