Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Im Land

der vier Ströme

Das jüngste der Streichquartette, die die Talentschmiede der Musikhochschule Hanns Eisler bis jetzt in das Konzertleben entlassen hat, ist das Berliner Chagall- Quartett . Offiziell noch Studenten im Aufbaustudium bei ihrem Mentor Eberhard Felz, konnten die vier Musiker doch schon einige Preise einsammeln und Konzerterfahrungen machen. Im weitgehend konzertfreien Berliner Juli eröffneten sie jetzt die sommerlichen Sonntagsmatineen, die von der Nachwuchsförderung der Gotthard-Schierse-Stiftung im Musikinstrumentenmuseum veranstaltet werden. Der kleine Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Akustik alles andere als schmeichelhaft, knochentrocken – wie im Tonstudio. Schuberts Quartettsatz c-moll ist da ein heikles Eingangsstück, die weiten ungedeckten Melodiebögen brauchen einen langen Atem und ein intensiver pianissimo-Klang stellt sich bei solcher Akustik nicht eben leichthändig her. Doch das Chagall-Quartett besteht diesen Einstieg bravourös. Stefan Hempel an der ersten Violine braucht nicht zu forcieren, um eine Linie ausdrucksvoll zu gestalten, die Mittelstimmen mit Serge Verheylewegen und Max Schmiz funkeln in der Phrasierung, so präzise ist diese, Jan Ickert am Cello, der später noch einiges zulegte, wirkte korrekt. Während Mozarts d-moll-Quartett zwar extrem durchsichtig und intonationsrein artikuliert wird, jedoch im Ausdruck sehr an der ersten Violine hing, schossen die Energieströme in Bartóks viertem Quartett wirklich aus jeder Richtung. Beeindruckend, wie jeder dem Geist der Partitur folgte und so zu der perfekten Balance von Konstruktivem und Expressivem beitrug.

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KUNST

Auge um Auge,

Stahl um Stahl

Dass Theater eine flüchtige Kunst ist, der Augenblick des Spiels einmalig, erkennt die Zeichnerin Ingeborg Voss nicht an. Sie hält fest, was gerade im Prozess der Probe, des Aufbaus einer Figur und einer Szene geschehen ist. Ihre Zeichnungen atmen, man ahnt den Fortgang der Handlung, glaubt in jedem einzelnen Blatt zu sehen, welche Absichten die Aufführung verfolgt, welchen Charakter sie hat. Ingeborg Voss ist seit Jahrzehnten an den Berliner Theatern mit Zeichenblock und Stahlfeder zu Gast, am intensivsten verfolgte sie Proben im Deutschen Theater. Besonders nahe fühlte sie sich Wolfgang und Thomas Langhoff, Friedo Solter und Benno Besson, dem sie bis nach Zürich folgte. Die Regisseure und die Schauspieler lieben ihre Zeichnungen: „Ich erkannte durch ihre Linienführung meine Irrtümer“, schrieb Friedo Solter. So offenbart sich in einem einzigen Blatt die gemessene Zurückhaltung, der Adel von Wolfgang Langhoffs Inszenierung der „Iphigenie auf Tauris“. Inge Keller als Iphigenie, wie flüchtig umspielt von atemverschlagend genau gesetzten Strichen: ein Mensch, unverletzlich in seinem Stolz, unvergesslich in seiner allen Widerwärtigkeiten überlegenen Haltung.

Ingeborg Voss, 1922 in Neustrelitz geboren, hat einen Beitrag zur Theatergeschichte dieser Stadt geleistet. In der Akademie der Künste am Pariser Platz wird die 84-Jährige durch eine kleine, aus der Fülle des Werkes klug ausgewählte Ausstellung geehrt („Theaterzeichnungen“, bis 27. August, Di.–So., 11–22 Uhr) . Es gehört allerdings zu den Absurditäten des Hauses, dass man sie in einem der Kellerräume nur mit einem Schließer betreten darf. Theaterzeichnungen im Hochsicherheitstrakt? Die Akademie hat so ihre Einfälle. Christoph Funke

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