Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Streisand

KUNST

Für immer

wild

Sie scheint nackt zu sein, die Obstpflückerin auf der Leiter. Das grellrote Kopftuch ist mehr modisches Assessoire als praktischer Haarschutz. Der Leib schimmert rosa. Die Beine enden in spitzen Stilettos, die die scheinbare Nacktheit der Frau und den Voyeurismus des Betrachters konterkarieren. Das rechte holt aus wie zum Schuss, der Blick wandert mit ihrem am Baum vorbei zu dem Fernseher in der linken unteren Bildecke, der den Ausschnitt eines Fußballfeldes zeigt.

„Mitspielen“ heißt die Ausstellung im Haus am Lützowplatz , die neue Bilder von Elvira Bach versammelt. „Ganz neue Bilder“, konkretisiert die Künstlerin. „9.6.2006“, das Bild der Obstpflückerin wurde erst in der Nacht vor der Eröffnung fertig. Elvira Bach malt das Ewigweibliche. Ihre Frauenfiguren sind immer breitschultrig, die mandelförmigen Augen unter buschigen Brauen immer auf den Betrachter gerichtet. Seit ihrem Durchbruch 1982 auf der Documenta 7 ist der Begriff der „Jungen Wilden“ mit ihrer Person verwachsen wie die Stöckelschuhe mit ihren Figuren. Bach inszeniert sich selbst. Ihr Lippenstift leuchtet wie der Nagellack, lange Kleider wallen um sie herum. Die Augen, die sie malt, sind ihre eigenen, die „Küchen- und Kinderbilder“ entstanden nach der Geburt ihrer beiden Söhne. Jetzt hat sie sich mit der eigenen Kindheit auseinander gesetzt.

Eine Katze auf Rädern taucht auf, ein Schneemann, der zum Liebhaber mutiert. Die Küche und das oft gemalte schwarz-weiß-karierte Schlafzimmer werden zur Puppenstube. „Die Bilder sind ein Teil von mir“, sagt sie. Ihre Frauenbilder waren stilbildend für ein Stück skeptischer Emanzipation am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Gegen die Vereinnahmung durch die Frauenbewegung hat sie sich jedoch stets gewehrt. Bach malt, was ihr nahe ist, was sie vor Augen hat. In kritisch-ironischer Auseinandersetzung mit dem eigenen Umfeld beleuchtet sie aktuelle Tendenzen. Ihre Bilder sind Chroniken. Am Ende vergisst die Obstpflückerin das Arbeiten vor lauter Fußballfieber.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, bis 27. August, Di–So 11–18 Uhr.

ROCK

Für immer

laut

Vierzig Jahre Soft Machine: wow! Es gibt sie noch, eine der visionärsten Bands der Popgeschichte, die 1966 als dadaistische Psychedelic-Rock-Truppe begann und unter ständigen Besetzungswechseln immer monströsere Züge annahm, bis sie 1981 platzte. Ende 2004 sammelten sich vier ältere Herren, die alle mal dazugehörten: Hugh Hopper (von 1968 bis 1973 bei Soft Machine), John Marshall (1972 bis 1979), John Etheridge (1975 bis 1978) sowie der im Februar verstorbene Elton Dean (1969 bis 1972), für den mittlerweile Theo Travis nachgerückt ist. Wegen Zwistigkeiten mit dem Gründungsmitglied Mike Ratledge wurde die Reunion Soft Machine Legacy genannt.

Und in der Tat: ohne den Schmier-Orgel-Sound von Ratledge ist das nur die halbe Flasche. Dennoch präsentieren die Musiker im Quasimodo das gemeinsame Werk wie selbstbewusste Winzer einen guten Tropfen Wein – mit kernigen Gitarren-Riffs von Etheridge, Hoppers knorrigen Fuzz-Bass-Soli, Marshalls immer noch explosivem Schlagzeug und Theo Travis kraftvollen Saxofon-Einlagen. Dabei spielen sie fast nur neues Material, bis auf zwei Hopper-Stücke aus der Soft-Machine-Frühzeit: „As If“ und „Kings & Queens“. Ein Höhepunkt ist das Schlagzeug-Gitarren-Duell zwischen John Marshall und John Etheridge, der es mit seinen Soli aber auch ein wenig übertreibt, während Hugh Hopper und John Marshall als bewegliche Fixpunkte demonstrieren, dass man als Band auch zusammenspielen kann, ohne den geistig weit entfernten Gitarristen in seinem Gniedelwahn zu bremsen.

Richtig gut wird es immer dann, wenn es gelingt, das Ausloten von Klangfarben mit der Aufgewühltheit des Free Jazz zu verbinden, wobei die Kategorie „Free“ hier auch eine Angelegenheit des Zugangs beschreibt: Man ist so frei, sich bestimmter Elemente zu bedienen. Und die alten Hasen wissen natürlich, welche Elemente es braucht, damit sich die denkbar heterogensten Ansätze zu einem Fluss von Selbstverständlichkeiten verwandeln, der sie fast traumwandlerisch durch ein komplexes Netzwerk von auskomponierten Passagen und kollektiven Improvisationen gleiten lässt.

Zeitlos, unbeeinflusst von allen Dingen dieser Welt und nur sich selbst wichtig nehmend. So kann der Rest der Soft Machine noch ein Weilchen weiterlaufen. Volker Lüke

Deutschland Radio Kultur sendet am 3. September von 2 Uhr 05 bis 5 Uhr einen Live-Mitschnitt des Konzerts.

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