Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

ROCK

Ein Fußheer

zwischen Eichenstämmen

Wo geht man hin, wenn man die Höllenhitze nicht mehr erträgt? Ins Gotteshaus. Zwischen den Backsteinwänden der Passionskirche müssen doch Haut und Seele Kühlung finden. Tatsächlich läuft im Publikum bereits der Schweiß, als Woven Hand die Bühne betreten. Das Wasser, das David Eugene Edwards Körper herunterrinnt, wirkt hingegen wie schmelzendes Eis. Der ehemalige Sänger der Folkband 16 Horsepower zittert und zuckt und wirft ruckartig sein bleiches Haar umher, als käme er gerade frisch aufgetaut aus der Leichenhalle. Mit seinem hängenden Unterkiefer und den zusammengeklemmten Knien passt er unheimlich gut vor das Christus-Kreuz. Auch sein erhaben-düsterer Folkrock ist hier am richtigen Platz. Von irgendwo tief unten dröhnen archaische Hörner, metallene Gitarren stimmen ein, und das Schlagzeug marschiert unaufhaltsam voran wie ein mittelalterliches Fußheer. Durch alles hindurch klingt Edwards Gesang, so mächtig und so kaputt wie 900 Jahre alte Eichenstämme.

Das Publikum ist ergriffen. Es mag heiß sein, doch von der Bühne gehen eisige Schauer durch den Saal. In den Kirchenbänken wippen die Köpfe mit. Eine älterere Dame staunt mit großen Augen, ein Rocker hat sie geschlossen und lauscht in sich gekehrt. Zweimal verlässt die Band die Bühne und wird mit Klatschen, Heulen und Pfeifen zurückgezwungen. Edwards gibt im dröhnenden „My Russia“ das Lob bescheiden weiter: „Have I shown them any love / I hope they know it come / from the father above.“ Meine Liebe ist Gottes Liebe. Irgendwann wedelt sich Edwards mit zackigen Bewegungen Luft zu. Vielleicht ist er doch ein Lebender. Doch dann singt er in der Zugabe zur Mandoline: „I feel nothing. I hear no voice.“ Ich fühle nichts. Ich höre keine Stimme. Und als er nach eineinhalb Stunden sichtlich alles gegeben hat, öffnet ein Roadie mit der Statur eines Scharfrichters die Bühnentür. Was folgt, ist ein Abgang wie in die Kühltruhe.

KLASSIK

Ein Klangmeer

unter Backsteinbögen

Wäre Humboldts Studentische Philharmonie ein Café oder eine andere populäre Institution mit Publikumsverkehr, sie hätte wegen des Hinguckereffekts wohl längst zum Deppenapostroph gegriffen und sich Humboldt’s genannt. Doch noch zieht man es bei Humboldts vor, durch akademischen Geist aufzufallen und so bleibt das Genitiv-s des Titels hübsch korrekt am alten Namenspatron haften. Musikalisch beweist man ähnliches Rückgrat und auch das fällt auf. Statt eines Promenadenkonzerts zum Kommilitonengucken gibt es in der Parochialkirche ein gar nicht so kurzes, durchaus anspruchsvolles Programm, das jedenfalls mehr bieten will als bloßes Jubelfutter. Dirigent Constantin Alex findet beispielsweise offenbar, dass es in Johann Strauß’ „Schöner blauen Donau“ eine Menge hörenswerter Mittelstimmen gibt. Auch wenn die Steigerung zum Finale darüber etwas zu kurz kommen mag, hat er grundsätzlich Recht: Zumal sich in diesem Orchester mit seinen symphonisch saftigen Streichern, warm strahlenden Trompeten und sehr fähigen Soloflöten niemand verstecken muss.

Besonders am Herzen liegt dem Dirigenten aber der Impressionismus – weshalb Ottorino Respighis viersätzige Brunnenvertonung „Fontane di Roma“ von 1916 und sogar ein ambitioniert-ausladendes Orchesterlied wie Ernest Chaussons gut zehn Jahre zuvor entstandenes „Poème de L’Amour et de la Mer“ zu Höhepunkten des Abends werden. Wobei man im Falle Chaussons das zusätzliche Glück hat, Matthias Vieweg als Solisten präsentieren zu können: Der Berliner Opern- und Konzertsänger verfügt über einen angenehmen, tragenden und gut geführten Bariton und überzeugt nicht zuletzt durch seine glasklare, kluge und doch leidenschaftliche Textdeklamation: einnehmende Intelligenz, wie sie auch Humboldt gefallen hätte.

Carsten Niemann

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