Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

BLUES

Neues Hemd,

neues Glück

Taj Mahal kommt im Hawaiihemd, Panamahut, Sonnenbrille und mit elektrischer Halbresonanzgitarre auf die Bühne des Quasimodo . Spielt den Blues lässig bis nachlässig. Nudelt etwas lustlos teigige Ton-Masse vom Griffbrett. Gegen den Auftritt des famosen 70-jährigen Buddy Guy letzte Woche klingt das hier etwas uninspiriert. Nach der Pause um Mitternacht: neues Hemd, neues Glück. Und es ist ein Glück, dass man nicht vorzeitig die Flucht ergriffen hat, eingeödet von den acht verwackelten Nullachtfuffzehn- Songs des ersten Durchgangs, denn jetzt wird es richtig gut. Wie viel besser klingt der 64-jährige New Yorker, wenn er vom Altherren-Klischee-Blues zurückfindet zu wahrer Größe. Zu Inspiration im unaufdringlichen Country-Blues. Wenn er mit heiser rauchiger Stimme „My Creole Belle“ singt. Dazu Mississippi-JohnHurt-Fingerpicking. „Corrinna Corinna“ im Stil von Ry Cooder, der schon 1964 bei Mahals Rising Sons gespielt hatte. Wenn Flageoletts und schwirrende Obertöne über die Köpfe der Fans flattern. Wenn der Drummer so klingt, als wäre er nicht mehr da, wenn die Hihat nur ganz leise zipp-zipp-zippt. Wenn der massige Mahal zappelige afrikanische Rhythmen mit karibischem Reggae verbindet. Wenn er eine Folkmelodie auf dem 5String-Banjo plickert. Ja, dann ist es eine Freude, ihm zuzuhören.

* * *

TANZ

Blaumachen

erlaubt

Nix wie weg wünscht sich der erhitzte Hauptstädter. Wenn das Dock 11 als erste Berliner Bühne zur „Landpartie“ einlädt, erwartet den Stadtflüchtigen eine Fahrt ins Blaue. Der Ausflug führt zum Wasserschloss Groß Leuthen : Dort kann man die Ausstellung „Rohkunstbau“ besichtigen, die diesmal das Motto „Drei Farben – Blau“ trägt (Tsp. vom 10. 7.). Man kann sich aber auch in das Blau von Himmel und Wasser versenken. Wenn die Mücken heftiger zu tanzen beginnen, beginnt das abendliche Performance-Programm. Hier gedeiht sie besonders gut, die Wald-, Wiesen- und Wasser-Choreografie. Man ist versucht, die Tänzer als Naturphänomen zu betrachten, etwa die flatterhafte Yui Kawaguchi, die raschelnd im Gebüsch auftaucht. Die scheue Vogelfrau landet auf den Schultern von Nir De-Volff, daraus entspinnt sich ein Duett mit wirbelnden Flugfiguren. Die aparte Yael Schnell legt auf dem Bootssteg eine Spur aus roten Äpfeln. Aus unruhigen Motionen findet sie zu schön gerundeter Sinnlichkeit. Dass Christoph Winkler sein Stück „Routines“ im muffigen Getränkelager verschanzt, dass Joy Ritter sich an einer dämlichen Anleitungs-DVD für eine Karriere als Hip-Hop-Star abarbeiten muss – eine Zumutung. Erleichtert drängen die Zuschauer wieder ins Freie – KarriereBlaupausen interessieren hier nicht. Lieber macht man noch ein bisschen blau. Zur nächsten Landpartie am 29. Juli laden die Sophiensäle ein. Sandra Luzina

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