Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Nette

Nachbarn

Gegen Harmonie, Frieden und gute Nachbarschaft ist eigentlich überhaupt nichts einzuwenden. Im Projektraum jetzt|now der Berlinischen Galerie herrscht gedämpftes Licht, sagen sich Fuchs und Reh (beide ausgestopft) guten Tag, prangt unbeschwerte Malerei an den Innenwänden von Fertighäusern für den Garten. Hannah Dougherty nennt ihre Objekt- und-Malerei-Installation Das Gartenhaus II , weil sie in Korea bereits einen ersten Teil mit ähnlichen Elementen realisiert hat (Alte Jakobstraße 124, bis 15. Oktober, Mo – So 10 – 18 Uhr).

Wie zurzeit auch beim Rohkunstbau-Festival in Groß Leuthen stellt Dougherty hier ihr Mal- und Zeichentalent unter Beweis. Wer die beiden Gartenhäuschen betritt und sich dabei nicht den Kopf stößt, wird von ihren malerischen Collagen im Stil Sigmar Polkes bezaubert sein: Der Uhu und der Hirsch, der Mann mit dem Pferdekopf und das Motorrad, sie begegnen sich friedvoll vor hellblauen, orangeroten und rosafarbenen Hintergründen. Schäfchenwolken am Himmel ziehen über ein Bierdosenidyll auf der Erde hinweg. Fast ungerührt, nur leicht verdutzt, dämmern auch die menschenhohen, einäugig-langnasigen Vogelhäuser vor sich hin. Doughertys „Akteure“ sind wirklich die perfekten Nachbarn: friedliebend, geräuschlos und ein ganz klein bisschen langweilig.

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ARCHITEKTUR

Frisch

gegraben

Gegeneinander versetzte Kuben statt klassizistischer Tradition – dem Haus Wolf in Guben (1925/27) kommt eine Schlüsselrolle im Werk von Ludwig Mies van der Rohe zu. Das Haus für einen Textilfabrikanten gilt als erstes modernes Wohngebäude des Aachener Architekten. Es bildet damit gleichsam den Startschuss: für den Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona und Haus Tugendhat in Brünn. Gleich neben dem Bauhaus- Archiv erinnert nun eine Mies-Memory- Box an diese Inkunabel der Moderne, die beim Einmarsch der sowjetischen Truppen in Guben 1945 zerstört wurde (bis 4. September).

Dort, wo Haus Wolf für wenige Jahre über der Stadt thronte, befindet sich heute im polnischen Gubin ein kleiner Park. 2002 wurden auf Initiative der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land die Fundamente des Hauses ausgegraben. Drei mobile Schautafeln geben Auskunft über das Haus, seinen Architekten und weitere IBA-Projekte in der deutsch-polnischen Doppelstadt Guben/Gubin. Ergänzt wird die kleine Wanderausstellung durch einige Scherben aus der Porzellansammlung der Wolfs, die bei der Grabung zu Tage traten. Wer tiefer in die Geschichte des Hauses einsteigen will, kann sich auf zwei Stahlrohrstühle nach Entwurf von Mies van der Rohe und Lilly Reich niederlassen, um die kostenlose Ausstellungsbroschüre zu studieren. Jürgen Tietz

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