Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

PERFORMANCE

Fühl doch

was

Ein Klaus kommt gar nicht vor in Klaus ist tot . Schon gar kein toter Klaus. Die Choreografin Hanna Hegenscheidt hat in den Sophiensälen fünf deutsche und amerikanische Performer zusammengespannt – die sind höchst lebendig und sich selbst erst mal genug. Wir sehen, wie so oft auf Off-Bühnen: Darsteller, die esoterische Körperübungen zusammen ausprobieren – etwa um das Herz-Chakra zu öffnen –, und dabei esoterische Dialoge führen. Die kulturelle Differenz schlägt bald durch. Rasch stellt sich raus: Die Akteure brauchen einen Gefühls-Coach. Also bittet der Amerikaner Christopher Daftsios seinen Kollegen Martin Clausen, die Augen zu schließen, tief zu atmen „aus dem Zentrum“. Erst wenn er ganz entspannt ist, wird dem Probanden die Frage gestellt: „Was fühlst du?“

Gefühle, der kostbare Rohstoff des Theaters. Bei Hegenscheidt wird ein enormes Brimborium veranstaltet um Emotion und Einfühlung. Der leichtfüßige Existentialclown Clausen etwa soll aus der Erinnerung einen Moment der Trauer hervorkramen. Er bringt dann aber nur eine verklausulierte Geschichte zustande, wie er es einmal verabsäumte, zur Beerdigung eines entfernten Bekannten zu gehen. Das ist schon der tiefschürfendste Momente dieses schmerzfreien Abends, der eher vom Elend der Darstellung handelt. Hegenscheidt geht es um das Unbehagen, sich mit dem Tod zu konfrontieren – aber auch die Aufführung selbst zeigt beredt, wie man dem gewichtigen Thema ausweicht. Stattdessen sieht man Darsteller in der Psychofalle, bei der Sensibilierungsarbeit – immer am Rande der Lächerlichkeit. Auf die Stunde der wahren Empfindung wartet man vergebens (bis 6.8., 20 Uhr).

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THEATER

Sag doch

was

„Sie sind nicht halb, sondern doppelt.“ Das ist ein schöner Gedanke, doch für die seit 16 Jahren in Deutschland lebende Ungarin Beáta wird die zweifache Identität zunehmend zum Problem. Die Gesellschaft nimmt sie nicht als Deutsche wahr, weil sie einen Akzent hat, im Krankenhaus wird ihre Tochter gefragt, „ob die Mutti denn auch deutsch spreche“. Dabei hat sie sich doch so sehr assimiliert. Sie kennt mehr deutsche Kinderlieder als ihre Freundinnen, weiß besser über die Geschichte des Landes Bescheid, hat das Grundgesetz gelesen. Dennoch bleibt sie eine Ausländerin. Ungarin ist sie auch nicht mehr. Wenn sie in Budapest durch die Straßen läuft, kommt sie sich vor wie eine Touristin, „nur dass ich komischerweise alle Straßen kenne“.

Von der Leere, nicht zu wissen, wohin man gehört, handelt das Dokumentartheaterstück Heimat – The Place Where We Belong der niederländischen Künstlergruppe „Space“ . Die Zuschauer sitzen im Filmhaus am Potsdamer Platz, durch die Glasfront geht der Blick auf Beáte, die versucht mit Passanten über ihre Probleme zu diskutieren. Kopfhörer und Videozoom machen die Zuschauer zum perfekten Voyeur, auch Beátas Ehemann sollte unter den Beobachtern sein, er zog es vor, von dem Schauspieler Andreas Scharfenberg vertreten zu werden.

Ein spannender Ansatz zu einem brisanten Thema. Nur bleibt „Heimat“ zu sehr an der Oberfläche. Was soll dabei herauskommen, Passanten zu fragen, ob es gut sei, die Tochter zweisprachig zu erziehen? Die Improvisationen wirken laienhaft, verkrampft. Auch die Gespräche per Mikrophon zwischen Beáta und Andreas bleiben fassadenhaft. Hölzerne Kommentare wie „Das sag ich dir doch immer, Beá“ machen klar, dass hier kein echtes Ehepaar kommuniziert, wie es noch bei den Aufführungen in Holland der Fall war. Das ist schade, denn die Geschichten aus Beátas Tagebuch, die immer wieder zwischen den Gesprächen eingespielt werden, sind anrührend, man spürt: So oder so oder ähnlich sind sie geschehen (bis 6.8., 16.30 und 19.30, So nur 16.30 Uhr). Sarah Hofmann

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COMEDY

Sing doch

was

Hans Werner Olm hatte einen Traum. Er wollte sich eine Band zusammenstellen und ein bisschen singen. Den hat sich der Stand-up-Comedian prompt erfüllt. „Sing dein Ding“ heißt Olms Programm bei den Wühlmäusen . Einen treffenderen Titel dafür hätte er nicht wählen können. Mit Band intoniert Olm seine Lebenslieblingsgassenhauer – mitunter sogar, ohne sie zu verballhornen. Die Beatles-Ballade „Here, There and Everywhere“, ein Stück mit mehr als zwei Harmonien, intoniert er andächtig mit Gitarre auf einem roten Hocker sitzend. Tapfer versucht er sich an der Modulation im Refrain. Gern lauscht man seiner Interpretation von Jethro Tulls „Thick as a brick“ (denn lang lang ist’s her), und dass Ian Andersons Flötensoli ein bisschen gespenstisch aus Christoph Erbses Synthi kommen, stört nicht fürchterlich.

Wenn Olm nicht ernsthaft musikalisch huldigt oder es zumindest versucht, wird es recht zotig. Harmlos angefangen bei Elvis’ „Don’t be cruel“, das er als „Komm werd schwul“ vertont, bis zu einschlägigen Reflektionen zwischen den Songs über die Unterschiede von Mann und Frau. Da räsoniert Olm dann über die Kosten eines One-Night-Stands und führt auf, inwiefern das „einmalige Abspritzen im Fremduterus“ einen Geschlechtsgenossen finanziell schädigt. Das tut er so lange und ausführlich, dass man am Ende nicht einmal mehr unangenehm berührt lächeln mag. „Die Ästhetik ist hier nicht zu Hause“, hatte er gewarnt und trotzdem gebeten, man möge nicht schon wieder schreiben, dass das Niveau seines Programms „unter der Gürtellinie“ sei. Dieser Bitte kann nachgekommen werden: „Sing dein Ding“ befindet sich im übertragenen Sinne ungefähr auf Knöchelhöhe (bis 14.8., 20 Uhr, nicht am 7. 8.). Julia Amalia Heyer

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