Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Spanische

Hypnose

Der erste knallende Tuttischlag sitzt wie die Ohrfeige einer erbosten spanischen Matrone. Doch dem dunkelhaarigen Joven Orquesta Nacional de España (aus dem ein einsamer blondierter Kopf herausleuchtet) ist mit Spanienklischees allein nicht beizukommen. Disziplin und Entschiedenheit besitzt dieses Ensemble gewiss, wobei die Kraft auch aus asiatischer Ruhe kommen könnte: In die Arbeitsphasen des Orchesters sind Yoga- und Alexandertechnikstunden eingebettet. Frappierend zart lässt man das farbenreiche, von atonal aufgerautem Neoimpressionismus geprägte Stück „Seven Looks“ von Augustín Charles im Raum zerstäuben. Manuel de Fallas atmosphärische „Nächte in spanischen Gärten“ sind nicht nur touristische Werbung für das Herkunftsland des Orchesters, sondern preisen nebenbei auch noch die spanische Musikausbildung. Für den Klavierpart hat man den jungen Pianisten Javier Perianes zum „Young Euro Classic“-Festival ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt mitgebracht, und der erweist sich als wahrer Hypnotiseur: Seine Innenspannung ist immens, jeder seiner klaren, entschieden und doch immer lyrisch gesetzten Töne ist ein Bekenntnis. Trotzdem gelingt es Perianes, seinen Part bescheiden wie ein Orchestermusiker in den Gesamtklang zu integrieren. Ob man sich hypnotisieren lässt oder nicht: Nach der Pause können die Musiker die Intensität halten. Strawinskys „Feuervogel“ und Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ werden dabei auch zu einer Feier der Freundschaft zwischen dem Orchester und seinem Gastdirigenten Lutz Köhler: Der uneitle Professor von der Universität der Künste fordert mit kleinsten Gesten größte dynamische Kontraste, lässt seine Eleven bei Wagner kammermusikalisch nackt und mit beängstigend langen rhetorischen Pausen beginnen – und bekommt die aufgestaute Energie dank der Disziplin des Ensembles in einem fulminanten Spannungsbogen zurückgeschenkt.

KUNST

Schwärmerische

Pose

Während Bayreuth derzeit seinen Wagner feiert, begnügt sich die Berliner Kunstbibliothek mit einem Wagnerianer. Allerdings mit einem, der wie Wagner selbst in allem überlebensgroß war: Melchior Lechter (1865-1937) glänzte durch seine Arbeitswut, durch seine Schwärmerei für die Literatur, für Kunst und Künstler, für Musiker und Musik. Zum Beispiel Wagner: Fesselnder Anziehungspunkt einer aktuellen Ausstellung mit Buchgestaltungen, Gebrauchsgrafiken und Glasfensterentwürfen des „Gesamtkunstwerkers“ Lechter ist ein Glasfenster, das motivisch nach „Tristan und Isolde“ gestaltet ist. Der gelernte Glasmaler Lechter hatte damit einst sein Berliner Wohnatelier in düster schimmernde Farbklänge getaucht. Nach einer umfangreicheren Schau in Lechters Geburtsstadt Münster blühen nun auch in der Kunstbibliothek am Kulturforum die Zaubergärten der Seele (Matthäikirchplatz, zu sehen bis zum 3. September, Katalog 29 €). Zwischen Jugendstil und mittelalterlichen, aber auch zeitgenössischen englischen Einflüssen changiert Lechters Buchkunst. Sein Medium: das Wirken von literarischen Größen wie Maurice Maeterlinck oder Stefan George gestaltend zu veredeln. George, mit dem Lechter befreundet war, setzte er ein Denkmal in Form eines opulenten Porträts als Künstler-Priester im Zentrum eines 1902 fertig gestellten, im Krieg zerstörten Prunksaals. Einen George-Lyrikband hat Lechter mit einem üppig wuchernden Baum verziert, aus dem lebenserfrischende Quellen sprudeln. In anderen Illustrationen, Studien oder (nicht immer ganz kitschfreien) Ölskizzen tummeln sich Grazien und Musen, während ein üppiger Entwurf für ein Glasgemälde, der einmal für das Kaufhaus Wertheim bestimmt war, bildlich der „Königin Mode“ huldigt. Melchior Lechter starb 1937 ausgerechnet während einer Pilgerfahrt zum Grab Rainer Maria Rilkes. Man könnte sagen, er war ein Schwärmer bis zum Schluss. Jens Hinrichsen

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