Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

YOUNG EURO CLASSIC

Moskau

für Preisbewusste

Bislang musste man kapitale Werke wie Schostakowitschs fünfte Sinfonie im Konzerthaus immer fürchten. Das gewaltig besetzte Stück wäre hier früher bestens geeignet gewesen, den Ohren der Hörer brachiale Gewalt anzutun. Doch durch die pünktlich zu young.euro.classic abgeschlossenen akustikbaulichen Veränderungen gehören diese Sorgen glücklicherweise der Vergangenheit an.

Das Schleswig-Holstein-Festival Orchester jedenfalls spielt Schostakowitschs zwischen Selbstzweifel und Selbstbehauptung, Anpassung und Widerspenstigkeit changierendes Opus mit seltener Hingabe. Christoph Eschenbach hat nicht einen Moment lang Mühe, den großen Orchesterapparat mit sparsamen Gesten zu führen. Und die fulminanten Steigerungen mit allem Blech und Schlagwerk klingen nicht grell und knallig, sondern entfalten sich ganz unaufdringlich. Allerdings scheint das Konzerthaus akustisch etwas geschrumpft zu sein, man wird sich an den neuen Klang erst gewöhnen müssen.

Der Triumph, den das Orchester mit Schostakowitschs Fünfter feiert, ist in der ersten Konzerthälfte indes noch nicht zu ahnen. Eschenbach dirigiert zunächst vom Klavier aus Mozarts c-moll Konzert, das Fehlen eines autonomen Dirigenten ist deutlich zu spüren. So kommt das Stück wie auf Samtpfötchen dahergeschlichen, klanglich sehr schön, aber spannungsarm. Und dass Eschenbach statt der im Programmheft mit ausführlichem Komponistenportrait angekündigten Klavierkadenz von Matthias Pintscher doch auf die von Brahms zurückgreift, hinterlässt auch ein leichtes Grummeln.

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KUNST

Tokio

für Überflieger

Die Kunst ist eine Baustelle. Als Gesamtphänomen betrachtet, wird sie nie fertig. Großausstellungen, die ihre eigene Prozesshaftigkeit unterstreichen, die also nicht so tun, als wären sie für die Ewigkeit gebaut, würde man gerne öfter sehen. Mitten in der laufenden Doppelausstellung „Berlin-Tokio / Tokio-Berlin“ (vgl. Tsp vom 7. Juni) hat der Berliner Künstler Raffael Rheinsberg zusätzlich zu seinem Werk „Auf Zeit“ – einer Wandinstallation mit Uhrenteilen im Untergeschoss – nun ein zweites Kunstwerk aufgebaut. Im Foyer der Neuen Nationalgalerie ist seine Bodenarbeit Eine andere Welt, eine andere Zeit zu sehen. Tokio liegt uns als Miniaturversion zu Füßen (bis 3. Oktober, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr).

Ist das wirklich Tokio? Das Verrückte an Rheinsbergs Entwurf aus dem Jahr 1992 ist, dass der Künstler keineswegs ein maßstabsgetreues Abbild der Metropole mit Gebäude- oder Wolkenkratzermodellen schuf. Und doch wirken die auf sechzig Quadratmetern Bodenfläche aneinandergefügten Computerplatinen wie eine Megalopolis aus der Vogelperspektive. Rheinsberg (geboren 1943), Flaneur und passionierter Sachensucher, hat die Bauelemente seiner Kunst-Stadt auf einem Tokioter Schrottplatz gefunden. Da türmen sich Akkus wie Hochhäuser, Computerchips in Reih und Glied sehen Wohnsiedlungen verblüffend ähnlich. Andere Konglomerate mit verkabelten Elektrospindeln wirken wie zyklopische Kraftwerke. Der Eindruck ist paradox: Trotz seiner Überschaubarkeit gibt dieses Mega-Städtchen einem das Gefühl, winzig zu sein. So intensiv man das Ganze auch betrachtet, überfliegt oder umzingelt: man begreift es nicht. Das verbindet Megacities übrigens mit Computern. Jens Hinrichsen

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