Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

SINGER-SONGWRITER

Sommerwiese

in Flammen

Es wimmelt von Bienen, Schmetterlingen, Rosen, Veilchen und allerlei Vögeln in ihren Liedern. Das gibt der Musik von Laura Veirs eine leicht hippieske Anmutung, die sie selbst ebenfalls ausstrahlt: Mit Ringel-Shirt, Pferdeschwanz und Hornbrille sieht sie so aus als käme sie direkt von einem Lagerfeuer ins ausverkaufte Café Zapata des Tacheles. Hier wünscht sie sich erst mal weicheres Licht. Alle Zeichen stehen auf ein sphärisch-romantisches Konzert, doch dann greift Laura Veirs zu einer dunkelroten Halbakustischen und spielt die ersten Takte von „Cool Water“ mit Verzerrer. Kein einziges Mal benutzt sie eine Akustikgitarre, das dominierende Instrument ihrer fünf Alben. Von der normalerweise dreiköpfigen Studioband hat die Songwriterin aus Seattle nur Tastenmann Steve Moore und Drummer Tucker Martine dabei, die ihre Sache hervorragend machen. Moore spielt manchmal Posaune, mitunter kommt eine Cello- oder Bassspur vom Band dazu. Der Sound ist rauer als der des aktuellen Albums „Year of Meteors“, diesem schillernden, aber etwas zu glatt polierten Geniestreich. Die Single „Galaxies“ wird nach wenigen Tönen jubelnd begrüßt. Laura Veirs lächelt, während sie vom Sieg über die Schwerkraft singt. Die gelernte Geologin ist sichtlich entspannt an diesem letzten Tag einer kleinen Tour, bei der sie zum ersten Mal in Berlin auftritt. Zwischen den Songs plaudert sie ein bisschen, fragt nach Sightseeing-Tipps und stellt den Zuschauern den Titel der „most enthusiastic audience“ in Aussicht. Daraus wird dann aber nichts, als Veirs ein leises Stück nach wenigen Takten abricht. Die Leute sind ihr zu unruhig. Dann eben „Fire“, sagt sie und legt krachend los, unterstützt vom feuerspuckenden Metalldrachen über der Bar. Ja, früher war die Lady mal Punk.

* * *

KLASSIK

Ein Stier

lernt springen

Eigentlich müsste die letzte Zugabe nicht der Radetzkymarsch, sondern das Torero-Lied aus Bizets „Carmen“ sein. Wie ein Stierkämpfer gebärdet sich Andris Nelsons bei seinem Auftritt mit dem Bundesjugendorchester : Springt jedem Crescendo entgegen, wirft sich für jedes Pianissimo ins Hohlkreuz. Eine Kapellmeister-Choreografie an der Grenze zur eitlen Selbstdarstellung. Wunderdinge soll der 26-Jährige als Chef des Rigaer Opernhauses vollbringen, und auch die bundesrepublikanische Nachwuchsauswahl lässt sich beim Young Euro Classic -Festival im Konzerthaus an Gendarmenmarkt vom Ausdruckstanz des Letten mitreißen. Um die Präsenz des Klangs geht es Nelsons, um einen prickelnden, aprilfrischen Sound, er will Tiefenschärfe, deutlich hörbare Stimmverläufe. Und das Bundesjugendorchester kann ihm genau das geben, spielt blendend, mit Verve und technischer Brillanz. Für Wagners stürmische „Holländer“-Ouvertüre funktioniert die Taktik des Dirigenten, in Mendelssohns „Sommernachtstraum“ und der „Rheinischen“ von Schumann aber führt seine Hyperaktivität zu unbefriedigender Kurzatmigkeit, zerfallen die Sätze in lauter glitzernde Effektmomente, wo der weite Bogen gefragt ist. Als Großmeister der Kleinteiligkeit präsentiert sich dann Tobias Schneid mit seinem Cellokonzert: Ein Stück, in dem unglaublich viel passiert und nichts geschieht, komplett am Soloinstrument vorbeikomponiert. Schade, denn mit Alban Gerhardt sitzt einer der interessantesten Cellovirtuosen der jungen Generation auf dem Podium. Frederik Hanssen

* * *

KUNST

Biegen, Knicken,

Spannen

Die größte der abstrakten Stahlskulpturen wirkt auf dem Trottoir vor der Akademie der Künste wie abgestellt, eine zweite dämmert in einer Foyerecke des Hauses am Pariser Platz, die dritte bekommt man auf der Dachterrasse nur zu besonderen Anlässen zu sehen. Wer Lebenslauf und Ausstellungsliste des Bildhauers Erich Hauser lesen möchte, stört dabei Besucher der Cafeteria beim Eisessen. Es ist die übliche lieblose Art, mit der die Akademie in ihrem Neubau die Kunst ihrer Mitglieder ausstellt (Pariser Platz 4, bis 17. Dezember, Katalog 8 €).

Wehren kann sich Hauser nicht mehr, obwohl eine Akademie-Ausstellung schon zu Lebzeiten geplant war: Er starb im Frühjahr 2004 im Alter von 73 Jahren. Aus der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil, wo der Bildhauer seit 1970 gelebt hatte, kommen nun das Dutzend Skulpturen und Reliefs sowie einige wunderbar klare, seit den sechziger Jahren entstandene Graphit-Zeichnungen und handtellergroße Modelle aus Zinkblech, Holz und Wachs.

Als Bildhauer interessierte Hauser nicht die Masse und Schwere des Stahls, sondern seine Geschmeidigkeit und Biegsamkeit. Das Aufklappen, Entfalten, Abknicken und Spannen geometrischer Körper übersetzen seine schwarzweißen Zeichnungen in die Fläche. Berlin besitzt seit 1977 eine große Wandarbeit Hausers – halb Zeichnung, halb Relief – an einem genuinen Ort: im Ostfoyer von Scharouns Staatsbibliothek am Kulturforum. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar