Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

YOUNG EURO CLASSIC

Lass mich

dein Frankreich hören

Zur französischen Musik gehört die Kultivierung des Klangs, und so begann auch die neue Komposition von Bernard Cavanna, mit der sich das Orchestre Français des Jeunes unter Jean-Claude Casadesus im ausverkauften Konzerthaus präsentierte, mit filigranen, körperlos schwebenden Klängen. Der erste Satz steigert sich vom Stammeln zu einer Rezitation, deren langsam sich erweiternden monologischen Phrasen der Bratschen ein Gedicht von Erich Fried zugrunde liegt. Der zweite Satz mit seinem minimalistisch kreisenden Bewegungsstrudel lässt dann die Sprachskepsis des ersten hinter sich. Während die Harmonik vor allem im ersten Satz mit Eintrübungen und Verbiegungen aufwartet, bleibt Cavanna in der Form fast didaktisch klar. Das französische Jugendorchester besitzt vor allem intonationssichere Bläser, die den Reichtum der Mikrointervallik ebenso aufblühen ließen wie zum Schluss Mussorgsky/Ravels „Bilder einer Ausstellung“. Dazwischen als Höhepunkt Prokofjews 3. Klavierkonzert mit der jungen russisch-griechischen Pianistin Katia Skanavi. Sie ließ mit glasklarem Klang ebenso aufhorchen wie mit weitgespannten Bögen und federnder Rhythmik, der sich das Orchester anschmiegte. Nachzuhören am 20. August um 20 Uhr 05 im Kulturradio des RBB.

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YOUNG EURO CLASSIC

Zeig mir

deine Freiheit

Wie denken Autoren unter dreißig aus Frankreich, Tschechien, Palästina mit jüdischen oder marokkanischen Wurzeln über Freiheit in Europa ? „Zeige mir dein Europa, und ich sage dir, wer du bist“, meint Tanja Maljarchuk aus der Ukraine. Die 23-Jährige gehört zu den sechs Gewinnern des Essay-Wettbewerbs, den „young.euro.connect“ schon zum zweiten Mal ausgeschrieben hatte. Der literarische Ableger des Musikfestivals will dafür sorgen, dass neben der Universalsprache Musik, die diesmal auch Teilnehmer aus der Türkei und aus Israel einbezieht, der intellektuelle Diskurs nicht zu kurz kommt. Mit ihren Essays gehen die Autoren nun auf Deutschland-Tournee; nach dem Thema „Freiheit“ sind in den nächsten Jahren Texte zu „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ geplant. Wer da ein staatstragendes Integrationsseminar befürchtete, wurde im kleinen Konzerthaus-Saal angenehm enttäuscht: provokativ und vielgestaltig zeigte sich, was Martina Gedeck und Ulrich Matthes unterhaltsam-eindringlich vorlasen und „Aspekte“-Redaktionsleiter Wolfgang Herles präsentierte. Was ist Freiheit für Drogenabhängige und Prostituierte, fragt der Däne Jonas T. Bengtsson, wo wird sie von einem Friseur, der einem die Haare ständig zu kurz schneidet, buchstäblich beschnitten? Vielleicht haben wir zu tief in die Schaufenster von H & M geschaut, um die Kostbarkeit der Freiheit noch wahrzunehmen, meint Petra Hulova aus Prag. Wie schwer es ist, „Europäer“ zu sein, beschreibt Rashid Novaire angesichts einer deutsch-polnisch-niederländisch-marokkanischen Familiengeschichte. In Freiheit die Wahrheit lügen zu dürfen, das ist ein Fazit, dem sich auch Camille de Toledos (Frankreich) Freiheit der Erinnerung und Atef Abu Saifs (Palästina) islamischer Traum von Respekt und Gerechtigkeit einfügen können. Isabel Herzfeld

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