Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

YOUNG EURO CLASSIC

Atatürks

Urenkel

Es gehört zu den angenehmen Begleiterscheinungen von young.euro.classic, dass man anhand der eingeladenen Orchester auch etwas über politisch-historische Zusammenhänge erfährt. So hat das Orchester des Staatlichen Konservatoriums an der Universität zu Istanbul seine Existenz indirekt Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, zu verdanken. Dessen Trachten galt der Annäherung an Europa, was unter anderem mit der Förderung von Komponisten wie Ulvi Cemal Erkin einherging, der in Paris bei Nadia Boulanger ausgebildet wurde. Erkins Tanzrhapsodie von 1943 verbindet klassisch-moderne Klangsprache mit den zauberhaft asymmetrischen Rhythmen der türkischen Musik. Zweifellos ein gutes Einstiegsstück für das Orchester – während verzücktes Fußwippen eines erheblichen Teils des Publikums im Konzerthaus auf viele türkischstämmige Besucher schließen ließ.

In Prokofjews erstem Violinkonzert bereitet das Orchester unter der Leitung von Ramiz Malik Aslanov der Solistin Sevil Ulucan dann einen wunderbar elastischen Hintergrund, vor dem sich die junge Bulgarin mit ungewöhnlich schönem Ton wie eine Weide im Wind hin und her wiegt. Verständlich andererseits, dass das Stück nach der Uraufführung 1923 als harmlos kritisiert wurde. Auch in Rachmaninows zweiter Sinfonie zeigt das Orchester sich von der milden, sanft schwingenden Seite. Nirgends knallige Effekte, dafür vor allem im elegischen dritten Satz viel subtile Streicherkultur.

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YOUNG EURO CLASSIC

Generation

Interrail

Was wiegt wohl schwerer: eine umstrittene Vertriebenen-Ausstellung oder ein Konzert, in dem junge Künstler aus der einst zerrissenen Mitte Europas zusammen musizieren? Für Warschaus Bürgermeister Kazimierz Marcinkiewicz war die Entscheidung klar: Er sah sich gezwungen, seinen Besuch zum 15. Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Berlin abzusagen. Vielleicht wäre ein Besuch des Konzerts mit dem Jungen Klangforum Mitte Europa am gleichen Wochenende für ihn eine weisere Alternative gewesen. Denn hier, im ausverkauften Saal der Konzerthauses , stand der Dialog auf dem Programm. Wobei die Misstöne im politischen Konzert den 22-jährigen bis 26-jährigen Musikern aus Polen, Deutschland und Tschechien gewiss vor Augen führten, dass der Hunger des Publikums nach einem mitreißenden Abend auch aus Ernst geboren war.

Von dieser Ernsthaftigkeit war im ersten Programmteil mit Wladyslaw Szpilmans Kleiner Ouvertüre für Orchester und Beethovens entspannter vierter Sinfonie allerdings nicht genug zu hören: Hier spielte eine gut ausgebildete kosmopolitische Interrailgeneration aus Noten – rührend für die kriegsgebeutelte Großvätergeneration, aber weder präzise noch mitteilungsbedürftig genug, um den Götterfunken zu zünden. Ganz anders der Dialog der Generationen im zweiten Teil: Die Gelegenheit, Krzysztof Pendereckis großes Violinkonzert unter der Leitung des Komponisten und mit einem so versierten Solisten wie Tomasz Tomaszewski aufführen zu können, spornte die jungen Musiker zu einer spürbar reiferen Leistung an. Die machte denn auch ernsthaft Lust auf die Zukunft. Carsten Niemann

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