Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

YOUNG EURO CLASSIC

Das Zwitschern

im Walde

Weißt du, wie viel Sternlein stehen? Irgendwas muss Hans-Ulrich Jörges falsch verstanden haben: Ein Grußwort zum Auftritt des Shanghaier Studentenorchester s beim „Young Euro Classic“-Festival war von ihm erbeten worden – doch der stellvertretende „Stern“-Chef hielt ein volkswirtschaftliches Grundsatzreferat, als handele es sich um eine Festrede mit musikalischer Untermalung. Irgendwann durften dann die Instrumente sprechen – und erzählten davon, was passiert, wenn der Energiehunger einer Boom-Nation die stillen chinesischen Wälder angreift.

„Himmelsfragen“ stellt der Komponist Shirui Zhu in der symphonischen Suite, die ihre Uraufführung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt erlebte. Mit einer ganzen Kollektion von Bambusflöten verteidigte Junqiao Tang die Vogelstimmen gegen das immer wieder bedrohlich heranrollende Orchester. Ganz auf westlichem Kurs segelt der Pianist Yingdi Sun, der sich mit einer athletischen Venusbergmusik aus Wagners „Tannhäuser“ für den Pekinger Olympiakader 2008 empfahl. Mozarts C-Dur Klavierkonzert KV 467 hatte er zuvor ohne jede innere Anteilnahme präzise ausgeführt, ganz im Gegensatz zu seinen Kommilitonen, die unter Leitung von Muhai Tang die Seelenlandschaft des Stücks sensibel erforschten. Ein wirklich tiefes Werkverständnis hatte der Dirigent dem Orchester auch bei Schumanns 2. Sinfonie vermittelt: Der langsame Satz erreichte eine Intensität, die vom Publikum mit beglückender Konzentration beantwortet wurde.

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KUNST

Überwachen und

bestraft werden

Ordner, Archive, Aktenschränke: Museen werden zu Amtsstuben, Schreibtische zu Ateliers, wenn Künstler wissenschaftlich arbeiten. Die Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten stellt unter dem Titel Offices (1-3) drei neue künstlerische Büroformate vor (bis 19. August, Turmstraße 75, Di-Sa 14-19 Uhr). Die Berliner Veronika Witte ließ mit ihrem fiktiven „Institut für sozio-ästhetische Feldforschung“ Fragebögen zum Körperbild und -wunschbild auswerten und entwickelte in einer Animation die menschliche Idealgestalt: Amorph wabert dieser Gruß aus der Ideenwelt vor sich hin.

Der Kölner Künstler Trutz Bieck sucht die Utopie eher im Gesellschaftskörper. In einer überdimensionierten Wahlkabine präsentiert er seine „Kulturpartei“, die klassische linke Kritik mit Forderungen nach einer politischen Kunst verbindet. Investigativ gehen die Hamburger Künstler Lukasz Chrobok und Christoph Faulhaber mit ihrem Sicherheitsdienst „Mister Security“ vor. Sie filmten vor amerikanischen Vertretungen und handelten sich Ärger mit dem Aufsichtspersonal ein. Sich sokratisch dumm stellend fragt Mister Security die überwachten Überwacher nach fehlenden Dienstanweisungen, auf die sich das Bilderverbot stützt. In Moabit zeigen die beiden Zurückkontrollierer Videos, Verfügungen und Anzeigen gegen sie. Dem Überwachen folgen Strafen. Daniel Völzke

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