Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

FOTOGRAFIE

Stilles Wasser

aus Japan

Als Noguchi Rika zum ersten Mal einen Taucher traf, sei er ihr wie ein Astronaut vorgekommen. Im Jahr 2004 hat sich die japanische Fotokünstlerin dann selbst die Taucherbrille aufgesetzt, um Bilder aus der Tiefe zu holen. In der daad-galerie sind sieben der großformatigen Abzüge zu sehen (Zimmerstr. 90/91, bis 9. September, Mo–Sa 11–18 Uhr). Ihre Tönung schwankt zwischen Türkis und Aquamarin. Weil das Wasser auch die Farbe unseres Planeten bestimmt, nannte Noguchi ihre Serie Color of the planet . Die Reise führt durch ein Riff vor der japanischen Halbinsel Okinawa, eine unwirtliche Unterwasserwelt, in die sich wenige Fische verirren. Säulen aus Luftbläschen verraten die Tauchergruppe, die bei Noguchi außerhalb der Bilder bleibt. Wie ein Baldachin überwölbt die Meeresoberfläche die stille Welt da unten: eine fremde Felsenwüste, in deren Spalten womöglich wilde Meeresungeheuer lauern. Noguchi ist keine Erzählerin, doch ihre Räume warten darauf, mit Geschichten angefüllt zu werden wie das sprichwörtliche weiße Blatt Papier. „White Paper“ heißt die auf einem Podest präsentierte Fotoarbeit, die in einem abgedunkelten Kabinett von einem Spot angestrahlt wird. Der Betrachter braucht Zeit, um auf dem gleißendhellen Rechteck Formen zu erkennen. Dann führt ein abgebildeter Zaun den Blick in die Bildtiefe, weit entfernt verlieren sich Skifahrer im Schnee: Nachrichten von einem Eisplaneten.

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YOUNG EURO CLASSIC

Falbe Klänge

aus Norwegen

Die Violinen schlittern heiser nach unten, das Schlagzeug legt ihnen Bodenwellen in den Weg, von unten steuern die Celli dagegen: So kommt man sich näher, wenn das norwegische Ungdomssymfonikerne unter dem (eingesprungenen) katalanischen Dirigenten Josep Caballé-Domenech im Konzerthaus „’tisn’t the snow falling, it’s us leaving the ground“ von Magnar Åm spielt. Und dann, als das Klangmöbel eines Baumstamms mit eingesteckten Ästen hinzutritt – leise ratternd arbeitet sich der Schlagzeuger daran ab –, entsteht auch endlich die Aura farbarmer Kontemplativität, wie man sie so gern mit Skandinavien verbindet. Dass Ludvig Irgens-Jensens Liederreigen „Japanischer Frühling“, von Solveig Kringelborn mit hell schillerndem Sopran interpretiert, klingt wie Mahler light, oder nach: einmal die Mitternachtssonne hindurchgeschickt, verwundert da kaum noch. Mit der Fünften des Finno-Nachbarn Jean Sibelius endet ein spannender Abend, falbe Klänge, wenig süffige Vibrati, wie hingeworfene Schlussakkorde. Christiane Tewinkel

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