Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

YOUNG. EURO. CLASSIC

Zögernd,

leise

In Syrien ist die Klassik eine zarte Pflanze. Das Nationale Symphonie-Orchester wurde 1993 gegründet, die erste Opernproduktion wurde vor zehn Jahren realisiert, und das erstmals im Ausland gastierende Orchester der Musikhochschule Damaskus ist jünger als das Berliner Festival selbst: Es existiert seit drei Jahren. Syrien, so fern, so nah, abseits der politischen Nahostaktualitäten, wünscht sich denn auch der Pate des Abends, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Versuchte Nähe: Die jungen Musiker bewegen sich auf unsicherem Terrain, fassen Tschaikowsky und Khachaturian mit Samthandschuhen an, setzen butterweich ein und drehen sich zum Blumenwalzer züchtig auf dem Parkett. Arabische Europaskizzen, mit blassen Strichen und kleinen Intervallen. In Khachaturians Schlaflied seufzt die Oboe, windet die Flöte eine Lamentogirlande. Wenn die Melodien des Abendlands sich zum Ornament neigen, sind die Syrer in ihrem Element.

Zu Beginn der „Winter“ aus Vivaldis „Jahreszeiten“ mit Qanoun, einem der Zither ähnlichen Instrument: die Eisdecke hauchdünn, zögernd-leise das Zähneklappern, fliegende, flirrende Finger auf 48 Qanoun-Saiten. Dann die Nai, eine arabische Holzflöte im Konzert von Shafi Baddreddin: Ein Hauch von Basar und Sufi weht durchs Konzerthaus, wenn Mouslem Rahal luftig flinke Töne stößt. Mehr davon! Bei den (ost-)europäischen Komponisten möchte man den jungen Musikern dagegen zurufen: Schnappt sie Euch doch, diese Musik gehört allen! Macht damit, was ihr wollt! Aber vielleicht gehört dazu ja jene Erfahrung im Umgang mit Spieltradition, die in Syrien gerade erst behutsam beginnt.

* * *

FILM

Suchend,

weise

Mathilde ist weise. Obwohl sie erst neun ist. Sie hat die Entschlossenheit eines Menschen, der intuitiv begreift und umsetzt, was er tun muss. In Safy Nebbous Kinodebüt „ Der Hals der Giraffe “ übernimmt sie nichts Geringeres als die Regie eines Familienschicksals.

Sie „entführt“ ihren Großvater Paul aus dem Altenheim, um sich auf die Suche nach ihrer Großmutter Madeleine zu machen. Madeleine hat die Familie früh verlassen, und Paul hat seine Tochter Hélène glauben gemacht, Madeleine sei tot. Aber Mathilde hat alte Briefe Madeleines an Paul und Hélène gefunden und glaubt zu wissen, dass ihre Oma noch lebt. Paul erkennt, dass er sich seiner Lebenslüge stellen muss – und auf geht’s mit dem Kleintransporter von Paris nach Biarritz. Hélène, besorgt um Vater wie Tochter, folgt ihnen.

Und was, wenn sie Madeleine gar nicht finden? „Dann haben wir das Meer gesehen“, sagt Mathilde. Überhaupt geht es nicht eigentlich um Madeleine, sondern um die Konflikte in der Restfamilie – zwischen Hélène und ihrem einst schmählich verlassenen Vater und um die fragile Beziehung zwischen Mathilde und ihrer alleinerziehenden Mutter. Nicht Landschaften inszeniert Safy Nebbou in seinem Drei-Generationen-Roadmovie, sondern Seelenlandschaften. Die Schauspieler verkörpern sie wahrhaftig – Claude Rich als vom Leben und von der Liebe gezeichneter Paul, Sandrine Bonnaire auf dem Drahtseil des Daseins zwischen Mutter und Tochter. Und Louisa Pili: Als kleine Mathilde ist sie, nun ja, einfach weise. Julia Amalia Heyer

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